Diese Geschichte beginnt vor rund sechshundert Jahren in den Bergen von Vouna Uisce an der Quelle des Flusses Iasc. Die Familie Fontana lebte hier mit nur wenigen anderen zusammen, weshalb sie auf keiner Landkarte zu finden waren. Sie lebten in Frieden mit dem, was die Natur ihnen zu geben hatte. Sie handelten nur selten mit anderen Dörfern, denn der Weg war weit und beschwerlich. Das Leben in den Bergen war rau, aber es gab Momente, in denen sich die Elfen dort oben wahrhaft frei fühlten. Wenn in der Ferne der Nebel über den Wiesen stand und die untergehende Sonne das Meer zum Glitzern brachte oder wenn die Wolken so tief hingen, dass man kaum die Spitzen der Wälder erkennen konnte, dann wirkte die Welt unendlich. Sie waren nie in der Hauptstadt gewesen und wahrscheinlich kannte niemand dort ihren Namen. Doch das war egal. Was sie hatten, war genug.
Eine der Bewohnerinnen war die junge Aloïse Fontana, deren Geschichte wir heute hier erzählen möchten. Sie war gerade sechzehn Jahre alt geworden und hatte die Berge in ihrem Leben noch nie verlassen. Die wenigen anderen, die sie je gesehen hatte, waren Besucher, welche sich hin und wieder in kalten Wintern oder schweren Stürmen hierher verirrten. Ihre Familie hatte bereits Elfen und Kobolde jeden Alters beherbergt und Aloïse hatte viel über die Welt da draußen gelernt. Sie träumte davon, die Welt eines Tages selbst zu sehen.
Doch die nächsten Besucher sollten anders sein. Die meisten Besucher kamen allein und hatten nicht viel bei sich. Doch dieses Mal war es eine ganze Familie aus Elfen, welche gute Kleidung trugen und allerlei Geschenke mit sich brachten. Ihr schneeweißes Haar und ihre blauen Augen verrieten Aloïse mehr als jedem anderen, denn nur sie hatte sich die Geschichten der Fremden stets angehört.
Sie waren Linares-Elfen.
Aloïse kümmerte sich um die Ziegen der Familie Fontana, als die Linares-Elfen in den Bergen eintrafen. Sie konnte beobachten, wie der Familienvater mit den Ältesten des kleinen Bergdorfes sprach. Sie konnte sich denken, worüber sie sprachen: Eine Unterkunft für ein paar Nächte. Aloïse beobachtete den Sohn, der zu der Familie gehörte. Ein trügerisches Bild, das wusste sie selber. Die Elfen waren mit Schönheit und Jugend gesegnet, was bedeutete, dass er sowohl ein junger Bursche als auch ein Mann in seinen Dreißigern sein konnte.
Der junge Linares musterte Aloïse und sie lächelte ihm entgegen. Sie dachte sich nichts weiter dabei. So war sie einfach – eine weitere reine Seele, welche von einem Linares verdorben werden würde. Und als er sah, dass sie knietief im Matsch stand und die Ziegen pflegte, wurde sein Blick abfällig und er wandte sich ab. Denn genauso waren die Linares-Elfen immer gewesen: hochnäsig und nur auf sich selbst bezogen. Aloïse ließ es gut sein und brachte die Ziegen in den Stall. Sie säuberte sich und ging hinein in die Hütte, wo ihr Vater der Linares-Familie gerade ein Bett für die nächsten zwei Nächte anbot und ihre Mutter einen Tee aufsetzte. Sie würden bleiben und irgendetwas sagte Aloïse, dass sie nicht ohne Grund gekommen waren. Kein Sturm zog in der Ferne auf und sie hatten Mitte Mai. Niemand musste sich vor Kälte verstecken und es gab keinen anderen Grund, so hoch in die Berge zu steigen. Was also wollten sie hier?
Während wir längst wissen, was damals geschah, erfuhr Aloïse erst am nächsten Morgen, warum die Linares-Familie gekommen war.
Sie saßen alle zusammen am Frühstückstisch, als der Vater der Linares-Familie sein Angebot unterbreitete.
„Sie haben eine hübsche junge Tochter. Wie alt ist sie?“, fragte er zunächst und wischte sich mit einem Tuch die Ziegenmilch von den Lippen. Er hatte die Frage an Aloïses Vater gestellt, doch sie antwortete selbst.
„Ich bin gerade sechzehn geworden“, erzählte sie. Die Mutter der Linares-Familie rümpfte die Nase.
„Hmpf. Spricht unaufgefordert“, bemerkte sie hochnäsig und blickte ihren Mann an. „Sie hat keine Manieren. Sie ist nicht die Richtige.“ Aloïse runzelte die Stirn. Was meinte die Dame nur? Die Richtige wofür?
„Manieren sind hier nicht das Entscheidende“, erwiderte der Vater streng, bevor Aloïse ihre Fragen stellen konnte, und wandte sich dann mit einem Lächeln wieder an die Familie Fontana. „Manieren kann man lernen, das richtige Aussehen nicht.“
„Mit Verlaub, wovon sprechen Sie?“, hakte Aloïses Vater nach. Aloïses Mutter sah dabei eben so fragend aus, wie Aloïse selbst.
„Nun, ich möchte Ihnen gern den Grund für unser Kommen erklären“, begann der Linares-Vater mit charmantem Lächeln. „Seit einigen Monden reisen wir durch die Anderswelt auf der Suche nach einer geeigneten Partnerin für unseren Sohn Kiyan. In unserer Familie legen wir viel Wert darauf, dass alles perfekt zueinander passt. Ihre Tochter…“ Er zögerte einen Moment. „Wie hieß sie noch gleich?“ Aloïse presste die Lippen aufeinander. Wenn sie das richtig verstanden hatte, wollte der Linares-Vater sie als Partnerin für seinen Sohn und hatte sich nicht einmal ihren Namen gemerkt. Doch Aloïses Vater schien das nicht weiter zu kümmern.
„Ihr Name ist Aloïse“, erklärte er höflich.
„Nun, ihre Tochter Aloïse scheint mir perfekt geeignet zu sein“, erklärte der Linares-Vater. „Äußerlich passt sie perfekt ins Bild und auch sonst, denke ich, passt es einfach.“
Es passt einfach.
Aloïse Fontana und Kiyan Linares hatten seit seiner Ankunft kein einziges Wort gewechselt. Wie sollte es da passen?
„Natürlich wissen wir, dass es ein großer Schritt ist und natürlich würden wir Sie für Ihr… sagen wir, großzügiges Geschenk reichlich entlohnen“, behauptete die Linares-Mutter mit breitem Lächeln. Aloïse sah ihren Vater an und bemerkte, dass er tatsächlich darüber nachzudenken schien.
„Bitte Vater, das kannst du nicht tun!“, flehte sie. Seine Kiefermuskeln verspannten sich und er sah sie nicht einmal an. Also wandte Aloïse sich an ihre Mutter. Ihr Blick war weicher als der ihres Vaters, aber sie interferierte nicht, denn die Saat in diesem Jahr war zu großen Teilen verdorben und die Ernte würde nur sehr spärlich ausfallen. Ohne die Hilfe der Linares-Familie würde die Familie Fontana den kommenden Winter nicht überleben. Aloïses Eltern fiel es schwer, ihr ältestes Kind für so etwas aufzugeben, doch ihnen blieb keine Wahl. Sie würden ihr Leben lang um Aloïse trauern. Doch Aloïse wusste das nicht und für sie wirkte es, als würden ihre Eltern gierig werden und sie einfach so an den Erstbesten verkaufen.


Sie reisten noch am selben Tag ab.
Für Aloïse brach eine Welt zusammen. Sie wurde aus ihrem Leben gerissen und auf einen Schattenwolf ins Unbekannte gesetzt. Alles Flehen, bei ihrer Familie bleiben zu dürfen, brachte nichts und sie lernte schnell, sich anzupassen. Sie ritt auf dem Schattenwolf hinter der Linares-Familie her und lauschte ihren Gesprächen.
„In welch ärmlichen Verhältnissen diese Elfen doch leben“, bemerkte die Linares-Mutter abfällig. „Besitzen sie denn überhaupt irgendetwas?“
„Jede Menge Schlamm“, erwiderte Kiyan lachend und seine Eltern lachten mit ihm.
„Ich fürchte, dieser Schlamm wird für immer in unseren Kleidern hängen“, behauptete der Linares-Vater, aber die Mutter beschwichtigte ihn gleich.
„Mach dir darum keine Sorgen. Unsere Schneider wurden damit beauftragt, bis zu unserer Rückkehr reichlich neue Kleidung anzufertigen.“
Aloïse versuchte, ihre Gespräche zu ignorieren.
Sie wollte nicht hören, dass ihre Familie nichts hatte, denn für sie war es immer genug gewesen. Ja, sie hatte eines Tages weggehen wollen, aber nicht, weil sie nichts hatte, sondern weil sie wissen wollte, was die Welt zu bieten hatte. Sie hatte die Schönheit der Welt sehen wollen, bevor sie in ihre Heimat zurückgekehrt wäre und ihrer Familie von ihren Reisen erzählt hätte. Aber dazu würde es nicht mehr kommen.
„Das Balg sollte froh sein, dass wir sie aus ihrem Elend befreit haben“, hörte Aloïse die Linares-Mutter sagen.
„Habt ihr gesehen, wie sie knietief im Dreck stand?“, fragte Kiyan lachend.
„Alles roch dort nach Ziege. Ich fürchte, selbst unsere beste Seife wird den Geruch nicht wegkriegen“, erwiderte der Linares-Vater.
„Es ist kein Elend, wenn man es gern tut“, murmelte Aloïse, doch niemand hörte sie. Bereits jetzt vermisste sie ihre Heimat und ihre Arbeit dort. Sie hatte sich gern um die Ziegen gekümmert und für ihr eigenes Essen gesorgt.
Zwei Tage lang hörte sie sich das Gerede der Linares-Familie an, bis sie endlich in Paraglace ankamen. Sie kannte die Stadt nur aus den Geschichten einer Koboldin: Eine eiserne Burg inmitten einer Stadt, die menschlicher kaum sein konnte und doch nie von einem Menschen gesehen wurde. Es gab strenge Regeln und Feen ließen sich nur selten hier blicken. Auch Trolle fand man nur wenige, da Paraglace abseits ihrer Handelsrouten lag. Hier und da entdeckte man einen Kobold, der sich zwischen Marktständen versteckte und zu überleben versuchte. Unter den Elfen wurde immer ein Tauschhandel gefordert, während im Rest der Anderswelt jeder etwas bekam, egal ob er etwas geben konnte oder an diesem Tag vielleicht nichts hatte. In Paraglace arbeitete man den ganzen Tag und fand sich am Abend in der Schenke ein. Es wurde getrunken, geplaudert und getanzt. Das Volk der Elfen war in Schichten aufgeteilt, auch wenn es nach außen nicht gezeigt wurde. Es gab jene, die höher gestellt waren und jene, die sich die Schenke nie leisten können würden. Es gab den Mittelstand, der genug zum Leben hatte und sich alle paar Monde auch einmal etwas leisten konnte und es gab die Linares-Familie, die alles hatte und nichts abgab. In Paraglace gab es das, was der Rest der Anderswelt niemals kennenlernen würde: die Schere zwischen arm und reich.
Und Aloïse war mittendrin.
Die Linares-Familie fackelte nicht lange. Sie kündigten an, dass die Hochzeit bereits vier Tage später stattfinden sollte. Sie wollten Aloïse Fontana so schnell wie möglich an den Namen Linares binden und verhindern, dass sie je wieder zurückgehen würde. Sie gaben ihr reichlich Essen und schöne Kleidung, ein hübsches Zimmer und ein warmes Bett. Sie unterrichteten sie in Haltung, Sprache und ihrem Glauben. Sie machten ihr ihren Stand innerhalb der Elfen von Paraglace klar und erklärten ihr, dass sie nie wieder etwas für ihr Essen tun müsse. Aloïse akzeptierte es, auch wenn sie vorher glücklich gewesen war, und begann von Tag zu Tag mehr, das Leben in Paraglace zu mögen.
Erst, als sie am dritten Tage erfuhr, dass die Hochzeit einem wichtigen Ritual einer traditionellen Hochzeit folgen würde, begann sie, rastlos durch die Gassen von Paraglace zu laufen. Sie konnte nicht weg, denn die Stadt war gut bewacht und die Linares-Familie hatte dafür gesorgt, dass niemand Aloïse gehen lassen würde. Außerdem kannte sie den Weg nicht und würde niemals zurück nach Hause finden.
Doch zu Aloïses Glück waren bereits viele der Gäste für die Hochzeit angereist und sie glaubte, dass einer von ihnen ihr helfen konnte. Der große Heiler Celic Morano war nicht nur zur Hochzeit eingeladen, sondern würde auch jenes Ritual durchführen, welches Aloïse um jeden Preis verhindern wollte. An diesem dritten Tage ging sie also zu ihm. Er wohnte in einem der Gasthäuser nahe der Burg. Sie klopfte an die Tür seines Zimmers und wartete, bis sie hereingebeten wurde.
Der Feenmann öffnete selbst die Tür und begrüßte Aloïse: „Ah, die glückliche Braut. Wie schön Euch zu sehen.“ Er lud sie mit einem strahlenden Lächeln in sein Zimmer ein, auch wenn Aloïse dieses nur schwach erwidern konnte.
„Was führt Euch her – so kurz vor der Hochzeit?“, fragte er und goss zwei Tassen Kräuteraufguss ein.
„Ihr sollt morgen das Ritual durchführen, nicht wahr?“, fragte sie vorsichtig und nahm eine der Tassen entgegen. Der Aufguss war angenehm warm und sein Duft erinnerte sie an die Kräuteraufgüsse ihrer Mutter.
„Aber natürlich“, entgegnete Celic Morano stolz. „Zwei Seelen für immer in Liebe vereint. Ist das nicht wundervoll?“ Er glaubte es. Genau wie alle anderen auch.
„Habt Ihr Euch nicht gefragt, warum es keine vollständige Hochzeit im Auge der Göttin ist, wenn doch ohnehin dieses Ritual stattfindet?“, hakte Aloïse nach. Der Feenmann zögerte und schien einen Moment darüber zu grübeln.
„Nun, es gäbe da noch einige andere Rituale, die mir schwer umzusetzen erscheinen. Eure Eltern sind nicht hier, soweit ich weiß. Ihr könntet den Tanz der Übergabe nicht durchführen. Außerdem müsste der Zauber für das Becken vorbereitet werden, bei dem ihr euch vor der Göttin Eure Liebe gesteht, das braucht Zeit“, erklärte er und sah sie wieder an. Aloïse schwieg und ihr Lächeln war längst vergangen. Ein Stirnrunzeln erschien auf Celic Moranos Gesicht.
„Ihr liebt ihn doch?“, hakte er nach. Er dachte sicher, diese Frage wäre unnütz gestellt, doch da irrte er sich.
„Ich weiß nicht viel über die Liebe“, begann Aloïse. „Aber es erscheint mir unwahrscheinlich, dass sie binnen weniger als einer Woche entstehen kann, besonders zwischen zwei Personen, welche seither kaum zwei Sätze miteinander gewechselt haben.“ Celic Morano schlief das Gesicht ein. Er war einer von den Männern, welcher Lia Fáils Glauben als höchste Priorität sah, auch wenn Aloïse das nicht wusste. Und in Lia Fáils Glauben stand die Liebe nach der Wahrheit an oberster Stelle. Der Feenmann hätte sich niemals vorstellen können, dass jemand den Glauben der Göttin auf diese Weise mit Füßen treten und eine Hochzeit erzwingen würde.
„Mir fehlen die Worte“, gestand er Aloïse. Diese nickte.
„Das verstehe ich gut. Mir ging es ähnlich, als ich vor einigen Tagen von meinen Eltern verkauft wurde“, erklärte sie in schmerzlicher Erinnerung. Eine leise Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange. „Ich möchte Euch um etwas bitten.“ Der Feenmann schluckte und richtete sich auf, als müsste er sich für Aloïses Worte wappnen.
„Dann sprecht. Ich werde mein Möglichstes tun“, entschied er.
„Führt den Zauber nicht aus.“

„Ich möchte nicht mein Leben lang an diesen Mann gebunden sein“, erklärte Aloïse.
„Mein liebes Kind, so einfach ist das leider nicht“, erwiderte Celic Morano betrübt.
„Also wollt ihr mir nicht helfen?“, fragte Aloïse enttäuscht. Sie hatte wirklich Hoffnungen gehabt.
„Doch, das möchte ich – sogar von ganzem Herzen“, behauptete er und seufzte. Er nahm einen Schluck von seinem Kräuteraufguss und sank dann in den Sessel zurück. „Das Problem an der Verbindung zweier Seelen ist, dass man danach immer weiß, was der andere denkt und fühlt. Kiyan Linares würde sofort wissen, dass etwas an dem Zauber nicht stimmt, wenn er nicht weiß, wie Ihr Euch fühlt.“
Frust und Verzweiflung stiegen in der jungen Elfe auf und ihre Gedanken wanderten in die schlimmstmögliche Richtung. Sie glaubte, der Feenmann, wolle ihr nicht helfen und sie sah nur noch einen Ausweg. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie die Tasse voll Kräuteraufguss auf den Boden schmetterte, wo sie zersprang und in drei große Scherben zerbrach. Bevor der Feenmann auch nur einen Ton erwidern konnte, hatte Aloïse bereits eine der Scherben aufgehoben. Sie hielt die scharfe Kante an ihren Hals und Tränen flossen über ihr Gesicht.
„Dann vergib mir, Göttin, aber ich kann so nicht leben“, sprach sie und war bereit, allem ein Ende zu bereiten.
„Wartet!“, rief Celic Morano. Er war aus seinem Sessel aufgesprungen und kam vorsichtig mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Denn während Aloïse in Verzweiflung versunken war, hatte der Heiler nach einer Lösung gesucht. „Es gibt vielleicht einen Weg.“ Er griff vorsichtig nach der Hand, welche die Scherbe hielt und sah sie mit flehendem Blick an.
Aloïse schluckte und fragte: „Was für ein Weg?“ Doch die Scherbe bewegte sich keinen Millimeter von ihrem Hals weg.
„Jedes Auge der Göttin ist mit einem Siegel versehen. Dieses Siegel macht es unmöglich, dass je ein Zauber darauf angewandt wird, der den Zustand des Auges verändert“, erklärte der Heiler.
„Aber was ist mit den Zaubern für das Becken?“, hakte Aloïse nach. Sie war nicht dumm. In ihrer Heimat gab es kein Auge der Göttin, aber dennoch kannte sie die Traditionen um dieses.
„Weil das Siegel jeden Zauber bekämpft, sind diese Zauber nur von kurzer Dauer. In Caillvaun werden sie täglich erneuert, da sie sonst Wochen der Vorbereitung benötigen würden, um überhaupt irgendeinen Effekt zu haben. Außerdem verändern sie nicht direkt den Zustand, des Auges der Göttin, sondern nur den des Wassers darin.“
„Und wie soll mir das helfen?“, fragte Aloïse.
„Es wurde nie versucht und es ist sicherlich riskant, aber man könnte das Siegel auf eine Elfe oder eine Fee auftragen“, schlug Celic Morano vor. Aloïse runzelte die Stirn, ließ die Keramikscherbe jedoch endlich sinken. Der Heiler atmete erleichtert aus und nahm die Scherbe aus Aloïses Hand. „Es würde bewirken, dass kein Zauber auf Eurer Haut angewandt werden kann, schon gar nicht ein so permanenter, wie jener, der die Seelen verbindet.“
„Aber Kiyan würde das bemerken, nicht wahr?“, hakte Aloïse nach. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und setzte sich wieder. Der Heiler nickte.
„Vermutlich ja, doch der Zauber verknüpft seine Seele dennoch mit der Euren. Die Verbindung wäre nicht annähernd so stark, wie wenn sie beidseitig wäre. Ihr müsstet nur eine Erklärung finden, warum Ihr wisst, was er denkt, aber umgekehrt er nicht weiß, was Ihr denkt.“
Und so war es beschlossene Sache. Sie verabredeten, sich noch an diesem Abend an jener Stelle der Stadtmauer zu treffen, wo Paraglace auf die Küste der unendlichen See traf. Aloïse würde ihren Körper gegen jeglichen Zauber versiegeln lassen. Koste es, was es wolle, solange es ihr nur die Verbindung mit diesem Linares ersparte.

Unwissend, welches Schicksal ihr bevorstand, schlich Aloïse sich an diesem Abend aus der Burg und lief zur Küste der unendlichen See. Sie fürchtete sich nicht, denn sie unterschätzte die Konsequenzen dieses Zaubers. Sie wusste nicht, dass kein Zauber der Welt sie jemals heilen konnte und auch nicht, was das Siegel dieses Zaubers mit ihrem Verstand anrichten würde. Sie glaubte, Celic Moranos Zauber würde alles wieder geradebiegen und er glaubte das auch. Er war der größte Heiler, der je gelebt hatte, doch selbst er kannte die Konsequenzen nicht.
Abseits der Häuser von Paraglace, an den Dünen der unendlichen See legte Aloïse sich in den Sand und befreite jene Stelle über ihrem Herzen, an dem das Siegel aufgetragen werden musste, von Stoff. Der Heiler kniete sich neben sie und begann, mir einem metallenen Stab auf ihrer Haut zu zeichnen. Zunächst geschah nichts. Das Metall war kalt und hinterließ keine Spuren. Doch als der Heiler zu sprechen begann, und die Kraft des Zaubers in den metallenen Stab überging, begann er zu glühen. Das Metall verbrannte Aloïses Haut und sie begann, vor Schmerz zu schreien. Tränen schossen in ihre Augen und sie wand sich unter dem Zauber, doch der Heiler hielt sie fest im Griff. Immer weiter sprach er die Worte des Zaubers und immer weiter zeichnete er mit dem glühenden Metallstab auf Aloïses Haut, bis das Siegel vollendet war und er den Stab beiseitelegte. Aloïse glaubte, es wäre vorbei, doch der Heiler hob eine hölzerne Schüssel gen Himmel und sprach erneut die Worte des Zaubers. Dann goss er die golden schimmernde Flüssigkeit über die frische Brandwunde und Aloïse wurde schwarz vor Augen.
Als sie wieder aufwachte, ging im Osten gerade die Sonne auf. Schmerzen pulsierten durch ihren Körper und der Heiler saß mit betrübtem Gesicht neben ihr im Gras.
„Es schmerzt so sehr“, erklärte sie und neue Tränen bahnten sich ihren Weg.
„Ich weiß, aber ich kann Euch nicht heilen“, sprach der Heiler leise. „Ich habe es versucht, doch das Siegel verhindert es. Ihr müsst das durchstehen, bis die Wunde von allein heilt.“
Doch das würde sie nie. Aloïses Körper würde die goldene Farbe des Siegels ein Leben lang bekämpfen und dieser Kampf würde mit Schmerzen einhergehen.
An diesem Tage heiratete Aloïse den Linares und wurde selbst eine von ihnen. Sie erklärte die misslungene Seelenverbindung damit, dass ihre Seele beschädigt sein könnte, weil sie zuvor nie der Göttin gefolgt sei und diese sie hatte bestrafen wollen. Diese Erklärung stimmte Kiyan Linares nicht zufrieden, aber er hatte keine andere Wahl, als es zu akzeptieren. Von diesem Tage an, fragte man sie immer wieder, warum ihr Gesicht errötet und ihr Blick so traurig sei, doch niemand glaubte ihr, wenn sie von Schmerzen sprach. Äußerlich war die Wunde verheilt und man sah das Siegel nur, wenn man wusste, dass es da war. Anderenfalls konnte man genauso auch glauben, ein goldenes Haar läge auf ihrer Brust und glitzerte im Licht der Sonne.
Die ersten Wochen und Monde ertrug Aloïse die Schmerzen, doch schon bald, begann der Schmerz, an ihrem Verstand zu nagen. Schreie tönten des Nachts aus den Mauern der Burg und schallten durch Paraglace. Die Linares-Familie sorgte dafür, dass Aloïse ihrem Ehemann ein Kind gebar. Und als dies Geschehen war, hörte man nie wieder von ihr. Keine Schreie tönten des Nachts durch die Mauern und niemand sprach je wieder über sie.
Keiner weiß, was damals mit ihr geschah, doch eines ist klar. Der Schmerz machte sie wahnsinnig und, um ihren Ruf nicht zu schädigen, sperrte die Linares-Familie das junge Mädchen weg, trotz dessen, dass sie nun auch eine Linares war.

match-of-survival aloise fontana kurzgeschichte


Das könnte Dich auch interessieren

Meine "Match of Survival" Reihe

Ivy Moore ist ein zu Beginn junges Mädchen aus England. Durch ihre Familie und deren Traditionen ist sie mit der Welt der Magie und ihren Wesen bereits vertraut, doch sie merkt sehr schnell, dass die Ansichten ihrer Familie falsch sind und sie beginnt, sich von ihrer Familie und der Organisation SCIO zu entfernen und stattdessen ihren eigenen Weg zu gehen. Dieser führt sie auf Umwegen nach Deutschland und schließlich zu den Para Humanitas, welche ihr eine neue Sichtweise auf die Magie geben und Ivy lehren, sie nicht zu fürchten. Doch sehr schnell drängen Geheimnisse an die Oberfläche und Ivys Leben gerät aus den Fugen...

Jetzt bei Thalia, Hugendubel und Amazon

cover
cover
cover