Unsere nächste Geschichte beginnt vor rund fünfzig Jahren. In gewisser Weise hatte die Anderswelt ihren Frieden gefunden, wenn auch einen sehr fragilen Frieden. Die Territorialkriege der Trolle waren längst vorbei und Caius der Schreckliche war überstanden. Es waren bessere Könige und Königinnen gefolgt, welche das Todesurteil verboten hatten. Der Bürgerkrieg der Elfen dreihundert Jahre zuvor hatte ihr ehemaliges Land schwer verwüstet und letztlich zu ihrer Niederlage im Krieg der Krone und zu ihrer Verbannung fünfzig Jahre später beigetragen. Doch das Land war wieder fruchtbar geworden und als Erinnerung blieben nur die Ruinen von Paraglace. Ja, sogar wenn man die Koboldverfolgungen betrachtete, war das Schlimmste wohl überstanden. Ob das nun an Einsicht lag oder schlicht am Mangel an starken Kobolden, ist eine andere Frage. Nicht jeder von ihnen hatte Schlechtes im Sinn, wenn er die Kräfte eines Kobolds für sich nutzen wollte. Einige wollten nur einem Verwandten die Schmerzen nehmen, der im Sterben lag. Und hätten sie nur gefragt, hätten sicher viele Kobolde geholfen.
Doch nach all der Zeit waren die Klüfte zwischen den Spezies der Anderswelt schier unendlich geworden und das sollte sich so schnell auch nicht mehr ändern.
Für die Koboldin Alva bedeutete dies, dass niemand ihr je zur Seite stehen würde und dass jeder sie mit Freuden verteufelte. Zur Zeit unserer Geschichte lebte sie in Dasos unweit des Sees auf dem Dachboden einer Scheune. Natürlich wussten die Besitzer der Scheune nichts von ihrer Anwesenheit dort und das war auch gut so. Die Besitzer der Scheune waren Feen und jeden Tag, wenn die Feen in der Scheune arbeiteten, konnte Alva hören, wie sie über die Kobolde herzogen.
“In der Stadt wurden schon wieder Waffen gestohlen!”, hieß es dann.
“Wann wird das Koboldpack endlich verbannt? Sie haben es ebenso verdient, wie dieser Dreckshaufen von Elfen!”, antwortete dann ein anderer.
Niemanden interessierte es, ob tatsächlich ein Kobold die Stadt bestohlen hatte oder ob es vielleicht ein Troll gewesen war oder - die Göttin bewahre - eine Fee. Undenkbar für die meisten Feen.
Hinzu kam noch, dass jeder in der Anderswelt Alvas Namen kannte, wusste, wer sie war und welche Kraft sie hatte. Sie war die eine Koboldin, welche die Magie der Kobolde seit jeher am allerbesten beherrscht hatte. Ihr Haar strahlte förmlich in allen Farben von Lila, Violett und Lavendel und sie musste es stets verstecken, wenn sie den Dachboden der Scheune verließ. Seit Jahren versteckte sie sich hier und da, zog weiter, wenn sie entdeckt wurde. Sie wartete darauf, dass eines Tages kein Kobold mehr gejagt werden würde.
Sie würde für immer warten, wie uns heute klar ist, denn solange sie lebt, wird es immer Feen oder Elfen, ja sogar Trolle geben, welche die Macht der Kobolde zu ihrem eigenen Vorteil nutzen wollen. Und dennoch ist dies die Geschichte, wie die Koboldverfolgungen schließlich ein Ende hatten.

Langsam fiel der Winter übers Land. Die Tage wurden kalt und die Nächte kälter. Der Dachboden der Scheune würde Alva nicht mehr lange warm halten. In der Morgendämmerung verließ sie die Scheune, um sich in Dasos ein paar Decken zu besorgen. Die Sonne stand als blutrote Kuppel über dem Horizont und offenbarte den aufsteigenden Nebel über den Feldern. Es war atemberaubend und Alva vermisste die Tage, als sie solche Momente noch hatte genießen können. Man bezeichnete sie als Dieb, doch sie lebte nach einem Kodex. Keinem durfte ein Leid zugefügt werden, jedes Leben war heilig und vor der Natur hatte man Ehrfurcht. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte Alva sich um verletzte Tiere gekümmert und ihre Lebensmittel mit hungernden Schattenwölfen oder ihr Wasser mit durstigen Eichhörnchen geteilt. Doch heute konnte sie sich das nicht mehr leisten.
Es war einfach, in die Stadt zu kommen. Die Mauern waren niedrig und die Tore nicht bewacht. Decken und Lebensmittel zu bekommen hingegen, gestaltete sich etwas schwieriger. Die Marktleute in Dasos waren aufmerksam und stets misstrauisch, da die Trolle hierher kamen, um ihre Waren einzutauschen. Alva war stets vorsichtig, legte ein Tuch um ihre Schultern und zog es als Kapuze über ihren Kopf, um ihr Gesicht so gut wie möglich zu verstecken. Sie hatte über den Sommer, als es noch warm gewesen war und sie noch im Freien hatte schlafen können, Güter aus anderen Städten angehäuft, die sie nun eintauschen konnte. In Cuanor hatte sie einen Morionkristall gestohlen, welchen sie in mehrere Teile zersplittert hatte, um ihn nicht als Ganzes weggeben zu müssen. In Phal hatte sie einen der Splitter gegen ein paar Murmeln zum Zeitvertreib getauscht und in Dariya hatte sie ein Floß entwendet, mit welchem sie flussabwärts und schließlich aufs Meer hinaus gefahren war, um nach Perlen bildenden Muscheln zu gründeln. Sie hatte einiges gefunden und das Floß anschließend zurückgebracht. Das Fleisch der Muscheln hatte sie gegessen und ein paar der Perlen wollte sie an diesem Tag gegen Decken, dicke Stoffe und eine kleine Rolle Strick eintauschen.
Als sie den Marktplatz betrat, hielt sie den Kopf gesenkt. Der Markt in Dasos war anders aufgebaut, als die Märkte in Cuanor oder Caillvaun. Hier standen alle Marktstände um einen riesigen Springbrunnen herum und sobald irgendetwas auf dem Markt vorfiel, wusste es sofort jeder. Würde sie hier entdeckt werden, müsste sie fliehen - erneut.
Der Morgen war noch früh und es war wenig los. Alva ließ sich Zeit. Sie wollte sich zuerst einen genauen Überblick verschaffen und darauf warten, dass sie später in der Menge verloren gehen konnte.
Gegen neun Uhr war der Markt gut genug gefüllt, um Alva bei Bedarf zu verstecken. Sie hatte sich zunächst einen Stand mit Obst und Gemüse gesucht, wo sie Äpfel, Tomaten und Karotten gegen einen Splitter des Morionkristalls getauscht hatte. Sie hatte die skeptischen Blicke der Fee hinter dem Stand gesehen und bereits gefürchtet, sie würde auffliegen, doch die Dame hatte nichts gesagt. Sie hatte Alva ziehen lassen und diese war zunächst zum Brunnen gegangen, wo sie mit zittrigen Fingern einen Apfel zum Frühstück gegessen hatte. Dieses Leben auf der Flucht war nichts für sie. Sie hatte immer gedacht, dass sie mit diesem Alter längst einen Ort gefunden hätte, an dem sie sich niederlassen und in Ruhe leben konnte. Sie war sechshundertsiebzig Jahre alt und in den Territorialkriegen der Trolle geboren. Ihr Leben hatte bereits als Abenteuer begonnen, es musste wirklich nicht auch so enden.

Nach dem Frühstück machte Alva sich auf den Weg zum hiesigen Stoffhändler, um sich alles Nötige für den Winter besorgen zu können und dann zu verschwinden. Und sie würde verschwinden, jedoch nicht auf jene Weise, wie sie es in diesem Moment noch glaubte.
Sie hatte sich bereits eine blaue Decke und einen besonders dicken Stoff aus grüner Wolle ausgesucht, als der Stoffhändler begann, sie aufmerksam zu beobachten. Sie versuchte, ihm nicht in die Augen zu sehen, während sie nach einer weiteren Decke griff.
Schließlich packte der Mann ihre Hand und frage: “Kannst du das denn auch bezahlen?” Sie schluckte und nickte, sah ihn jedoch weiterhin nicht an.
“Ich habe den Sommer über an der Küste Perlen gesammelt.”
“Es ist unhöflich, jemandem nicht in die Augen zu sehen, findest du nicht auch?”, fragte er. Alva atmete einmal tief durch. Es gab nur zwei Möglichkeiten für sie. Ihn ansehen und alles riskieren, oder davonrennen und ebenso alles riskieren. Sie entschied sich für Ersteres.
“Habe ich es mir doch gedacht”, zischte der Mann zufrieden und packte Alvas Handgelenk noch fester. Mit der anderen Hand stieß er ihre Kapuze zurück und offenbarte ihr lila leuchtendes Haar. Sie straffte die Schultern und versuchte, ihre Angst zu verbergen. Die Leute auf dem Marktplatz hatten bereits begonnen zu tuscheln. Einige behaupteten, sie hätte den Mann bestehlen wollen und wieder andere erkannten sie.
“Lassen Sie mich gehen”, forderte Alva, doch der Mann grinste nur hämisch.
“Mit deiner Hilfe wird meine Familie nie wieder hungern müssen”, zischte er. Die letzten Winter waren hart gewesen und einige Ernten waren schwach ausgefallen, doch das war es nicht, was er meinte. Er wollte Alvas Magie ausnutzen, um andere glauben zu machen, dass er ihnen tatsächlich etwas anbot. Er wollte Illusionen gegen Nahrung und ein entspanntes Leben tauschen. Er wollte lügen und betrügen und den Glauben der Göttin mit Füßen treten. Doch wer folgte in diesen Zeiten schon noch der Göttin?
“Niemals”, erwiderte Alva. Mit einem Ruck zog sie den Mann auf die Theke seines Marktstands, welcher vollkommen überrumpelt von ihrer Hand abließ und versuchte, sich abzufangen.
Sofort nahm sie die Beine in die Hand und rannte, doch der gesamte Marktplatz wusste bereits Bescheid.
“Wachen!”, brüllte jemand über den Platz, während Alva sich durch die Feen drängte und versuchte, eine Gasse zu finden. Sie konnte hören, wie die Alarmglocken geläutet wurden und jeder sofort in heller Aufruhr war. Jeder wusste, etwas war vorgefallen und jeder hielt Ausschau nach etwas Auffälligem - Alvas leuchtend violettes Haar machte es ihr unmöglich in der Menge zu verschwinden. Jeder versuchte sie zu packen, ihr Beine zu stellen oder ihr den Weg zu blockieren. Sie rannte im Zick-Zack über den Marktplatz und musste sich immer wieder losreißen, bis sie schließlich eine Gasse fand.
In der Gasse war weniger los, als auf dem Marktplatz, jedoch nicht leer. Und ihr Haar verriet nach wie vor jedem, wer sie war. Während sie die Gasse entlang rannte, zog sie das Tuch wieder über ihren Kopf und band es mit einem Knoten fest. Die Stoffe, welche sie hätten verbergen können, hatte ihr auf dem Markt jemand aus der Hand gerissen und die Äpfel, für welche sie ehrlich bezahlt hatte, waren auch fort. Als sie gerade um eine Ecke bog, hörte sie die schweren Schritte und die Rufe der Krieger des Reiches. Sie hörte auf, zu rennen, um den Feen in der Gasse nicht sofort ins Auge zu fallen, setzte ihren Weg jedoch schnellen Schrittes fort, um den Abstand zwischen sich und den Wachen zu vergrößern. Wenn sie sich nicht bald irgendwo verstecken könnte, würde man sie sehr schnell finden. Dasos war zwar groß, aber nicht Caillvaun. Mit genügend Kriegern des Reiches oder auch nur genügend Feen, welche ihre Magie ausnutzen wollten, war die Stadt leicht zu durchkämmen. Sie fand einen Hauseingang mit einem kleinen Vorgarten und presste sich dort hinter eine Mauer. Sie konnte nur hoffen, dass die Bewohner des Hauses nicht in diesem Moment das Haus verlassen würden.

“Haben Sie eine Koboldin hier vorbeikommen sehen?”, fragte eine Männerstimme plötzlich draußen in der Gasse. Alva presste sich noch näher an die Mauer und hielt den Atem an.
“Nein, leider nicht”, erwiderte eine Frauenstimmte. Alva hörte, wie sich die Schritte der Männer entfernten, und entspannte sich ein wenig. Alva war nicht die Art Koboldin, welche sich schnell fürchtete, doch nichts bereitete ihr mehr Furcht, als entdeckt zu werden. Zweimal hatte man sie bereits geschnappt und jedes Mal war auf seine eigene Weise furchterregend gewesen.
Alva ließ ein paar Minuten verstreichen, bevor sie sich aus ihrem Versteck wagte und um die Ecke spähte. Die Gasse war bis auf zwei Frauen, welche sich unterhielten, völlig leergefegt. Alva zog das Tuch enger um ihre Schultern und trat zurück in die Gasse. Während sie an den beiden Frauen vorbei lief, beäugten diese sie skeptisch.
Alva schluckte. Sie musste raus aus der Stadt. Dort war es nicht länger sicher. Sie konnte zwar einige wenige mit der Magie der Kobolde täuschen, aber um eine ganze Stadt zu täuschen, fehlte ihr schlicht die Kraft.
Gerade, als die beiden Feendamen nach den Kriegern des Reiches zu rufen begannen, bog Alva in eine andere Gasse und begann erneut zu rennen.
Sie war älter als die Krieger, welche sie verfolgten, und sicher kannte sie die Stadt viel besser. Sie kannte einen Ort, der von den Feen kaum genutzt wurde und in der Vergangenheit schon vielen Kobolden Unterschlupf gewährt hatte.
Wie in jeder Stadt gab es auch in Dasos ein Auge der Göttin und unter dem Auge der Göttin in Dasos befand sich ein Sturmkeller, doch solange kein Sturm aufzog ging niemand je dort hinunter. Und Alva wusste das - sie musste es nur ans andere Ende der Stadt schaffen.
Sie rannte durch die Stadt und natürlich wusste sie, dass sie damit Aufmerksamkeit erregte, doch sie konnte es sich nicht leisten, langsam zu gehen - sie musste Abstand zwischen sich und die Wachen bringen. Sie kam in eine Gasse, in der Seile für nasse Kleidung aufgespannt waren. Sie riss die Laken von den Leinen, warf sie über sich und kauerte sich in einer Ecke zusammen, um wie ein Haufen Stoff zu wirken.
Es war kein wirklich gutes Versteck und das wusste Alva selbst, doch in ihrer Not blieb ihr nichts anderes übrig. Sie hörte die Schritte der Wachen an ihr vorbei stampfen und glaubte sich selbst in Sicherheit. Doch was sie nicht wusste, war, dass der Stoffhändler vom Markt über den Sturmkeller Bescheid wusste.
Während die Wachen Alva also übersahen und weiter durch die Gassen jagten, machte Alva sich in ein Laken gehüllt auf den Weg zum Sturmkeller. Sie kam gut durch die Stadt, kaum wahrgenommen von irgendwem und sie erreichte das Auge der Göttin ohne weitere Vorkommnisse.
Sie wollte gerade die Luke zum Sturmkeller öffnen, als diese von innen aufgestoßen wurde und der Stoffhändler ihr mit glitzernden Augen entgegen grinste. Alvas Herz begann zu rasen und Panik kochte in ihr hoch. Dies war ihr einziger Ausweg gewesen. Sie hatte im Sturmkeller warten wollten, bis sich die Situation beruhigt hatte. Aus der Stadt konnte sie nicht, denn die Tore waren sicher längst streng kontrolliert.
“Na sieh mal einer an, wer hier Zuflucht suchen wollte”, bemerkte er zufrieden. Sie stolperte bereits rückwärts, als er hinzufügte: “Habe ich euch doch gesagt.”
Er war nicht allein.

Die Männer des Stoffhändlers hatten unsere Koboldin gepackt und in ein Haus in der Nähe verschleppt. Dort hatten sie sie auf dem Dachboden in Ketten gelegt und zurückgelassen. Es war kalt und dunkel. Es gab keine Fenster und nur einen Eingang.
Während draußen in der Stadt die Tore allmählich wieder geöffnet wurden und die Welt sich weiter drehte, vergingen für Alva Stunden der Einsamkeit und sie entschied, dass dies das letzte Mal sein würde. Sie hatte lange genug gelebt und genug gesehen. Sie kannte die Welt da draußen mit all ihren Schrecken, war im Krieg geboren worden, war mit ihm aufgewachsen und hatte ihn nie hinter sich gelassen. In all den Jahrhunderten war sie niemals wirklich glücklich geworden und sie glaubte nicht, dass es noch geschehen würde. In ihren Augen war es an der Zeit, ihr Leben zu beenden. Kobolde alterten nicht, weshalb sie keines natürlichen Todes sterben konnten. Doch einen Dolch oder einen Pfeil im Herzen überlebte niemand. Sie würde die Augen schließen und warten, bis sich eine Gelegenheit bot.
Sie hatte aufgegeben.
Es verging viel Zeit, bis Alva plötzlich eine Stimme hörte: “Öffne die Augen, mein Kind.”
Es war die weiche Stimme einer Frau. Sie klang freundlich und angenehm und Alva nahm zunächst an, dass sie träumte. Sie öffnete die Augen und sah vor sich eine junge Frau mit kupferrotem Haar und schillernd grüner Iris. Sie trug ein wunderschönes weißes Kleid und strahlte von innen heraus, sodass der gesamte Dachboden erhellt wurde.
“Warum hast du aufgegeben, wo du doch so viel Macht besitzt?”, fragte die junge Frau. Ihre Stimme war so freundlich, dass Alva ihr gern vertrauen wollte und ihr bereitwillig erzählte, was sie belastete.
“Macht ist nicht alles”, erklärte Alva betrübt. “Ich wollte Liebe finden und glücklich sein, doch ich bin seit Jahrzehnten auf der Flucht und mir fehlt die Kraft für mehr. Ich will dieses Leben nicht mehr.”
“Ich verstehe”, erwiderte die junge Frau nickend. “Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, aber ich kann dir helfen, deine Zukunft zu einer besseren zu machen.” Sie kniete sich vor Alva auf den Boden und lächelte ihr entgegen. “Ich werde dir die Kraft geben, alles zu verändern. Die Magie, die du brauchst, trägst du längst in dir. Nun geh und beginne ein neues Leben.”
Mit diesen Worten küsste die junge Frau Alva auf die Stirn und verschwand. Alva konnte spüren, wie sie vor Energie strotzte und fragte sich, was geschehen war. Hatte sie doch nicht geträumt? War die junge Frau etwa…? Nein, das konnte nicht sein. Alva hatte Geschichten davon gehört, dass einige wenige der Göttin in ihrer Not begegnet waren, doch sie hätte nie gedacht, dass sie selbst einmal dazu gehören würde. Sie dankte der Göttin im Stillen, denn sie wusste nun, was zu tun war. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde Alva sie alle täuschen und ihr Leben ändern. Sie würde ihr Leben hinter sich lassen und von Neuem beginnen, würde Freunde finden und einen Ort um sich niederzulassen. Sie würde versuchen, glücklich zu werden. Die Begegnung mit Lia Fáil hatte ihr neue Hoffnung gegeben und diese würde sie nutzen.

Als die Männer den Dachboden das nächste Mal betraten, nutzte Alva die Kraft, welche die Göttin ihr gegeben hatte. Sie schloss die Augen und murmelte die Worte eines Illusionszaubers, wie sie ihn zuvor nur selten genutzt hatte.
„Jaidoo na diavoláki, lenan meree forsa! Iompar sa sou agus pwoteje mé roimh sa ze amharc. Saoire dirék mo dharmaan sa maaya.“
Magie der Kobolde, nimm meine Kraft! Trag sie hinfort und schütze mich vor ihren Blicken. Lass meinen Glauben die Illusion leiten.
Sie legte ihre Handgelenke auf den Boden, um es so aussehen zu lassen, als hätte sie sich aus den Ketten befreit und ließ eine Illusion ihrer selbst auf der anderen Seite des Dachbodens sitzen. Die Männer waren sofort außer sich, als sie glaubten, Alva ohne Ketten zu sehen. Einer von ihnen machte sich daran, Alva nieder zu ringen, und der andere öffnete die Ketten, um sie Alva erneut anlegen zu können. Die echte Alva jedoch, befreite er, ohne es zu merken.
Alvas Illusion ließ sich niederringen und erneut in Ketten legen. An diesem Punkt hätte es genug sein können und Alva hätte einfach verschwinden können, doch sie entschied, zu bleiben und dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Sie folgte den Männern und ihrer Illusion hinaus in die Stadt. Die Sonne stand noch sehr tief über den Dächern und Alva fragte sich, wie viel Zeit wohl vergangen war. Die Männer brachten Alvas Illusion zum Marktplatz, wo sie sie unter den Marktstand des Stoffhändlers schoben, um sie zu verstecken. Alva wusste, warum sie das taten. Der Stoffhändler würde verlangen, dass Alva seinen Kunden Illusionen verkaufte.
Während der Markt langsam zum Leben erwachte, blieb Alva auf Abstand und wiederholte ihren Zauber.
„Jaidoo na diavoláki, lenan meree forsa! Iompar sa sou agus pwoteje mé roimh sa ze amharc. Saoire dirék mo dharmaan sa maaya.“
Sie beobachtete den Marktplatz ganz genau und es dauerte nicht lang, bis ihr die zahlreichen Wachen auffielen. Einige waren in den Seitengassen platziert und andere befanden sich auf den Dächern. Sie scannten den Marktplatz nach Kobolden ab und in Anbetracht der Menge an Pfeilen und Bögen, schien es nicht so, als hätten sie vor, auch nur einen Kobold am Leben zu lassen.
Alva wartete geduldig, bis sich der Marktplatz genug gefüllt hatte. Sie wollte, dass so viele wie möglich sahen, was geschah und jeder es glauben würde. Der Stoffhändler hatte bisher noch keine Kunden gehabt, was Alva sehr gelegen kam, denn sie wollte niemanden in seinem Namen betrügen. Schließlich sprach sie ein letztes Mal ihren Zauber und begann zu spüren, wie die Magie sie schwächte. Sie hätte noch länger gewartet, doch sie musste beginnen, oder das Ganze würde niemals funktionieren.
Sie konzentrierte sich auf ihre Illusion und stellte sich vor, wie sie unter dem Marktstand hervorkroch. Alva selbst trat nun nah an den Stoffhändler heran, sodass sie nur wenige Zentimeter neben ihrer Illusion stand, als diese sich befreite. Sie beide schlugen den Mann ins Gesicht, sodass er einen Moment lang abgelenkt war. Alva selbst schnappte sich einen seiner Stoffe und warf ihn sich über, während Alvas Illusion einen ganzen Stapel Stoffe ergriff. Es würde so aussehen, als würde sie den Mann bestehlen. Und genau das war es, was die Wachen alarmierte. Sofort herrschte Tumult auf dem Marktplatz und Alva hatte Mühe, die Illusion im Blick zu behalten. Im nächsten Moment hörte sie das zischende Geräusch eines Pfeiles, der durch die Luft sauste. Dem ersten wich Alvas Illusion noch aus, doch der Nächste ließ keine Gnade walten. Er durchbohrte ihren Rücken an der richtigen Stelle und ließ Blut über den Marktplatz spritzen. Sie blieb stehen und sackte zusammen. Alva sog scharf die Luft ein. Natürlich war nichts davon echt, aber es versetzte ihr dennoch einen Stich im Herzen, sich selbst sterben zu sehen.
Den Rest des Tages herrschte Stille auf dem Marktplatz. Trotz dessen, dass sie alle die Kobolde hassten, freute sich niemand über Alvas Tod. Die Krieger des Reiches warfen ihre Leiche in den Fluss und sie konnte den Zauber endlich fallen lassen. Sie versteckte nach wie vor ihr Aussehen, denn sie konnte nicht riskieren, erkannt zu werden.
Und an diesem Tag im späten Herbst starb Alva und sollte nie mehr das Licht der Welt erblicken. Unsere Koboldin legte ihren Namen ab und wandelte noch Stunden rastlos durch die Gassen von Dasos. Erst tief in der Nacht traute sie sich wieder auf den Marktplatz zurück. Unter einem der verlassenen Marktstände fand sie einen heruntergefallenen Dolch, welchen sie einsteckte und in der Mitte des Platzes lag der Pfeil, welcher Alvas Leben beendet hatte. Auch diesen nahm sie mit sich. Sie würde sich einen Bogen bauen und zum Überleben jagen gehen. Unsere Koboldin verließ Dasos und das nähere Umland noch in dieser Nacht. Sie wanderte nach Osten, wo sie die nächsten Jahre im gefallenen Reich verbrachte. Die Elfen lebten hier schon lange nicht mehr und auch sonst hatte sich kaum jemand hier niedergelassen. Sie lebte einige Jahre in Frieden und als sie das erste Mal wieder jemanden traf – eine andere Koboldin namens Zahara Roux – wählte sie einen Namen, der sie an ihr altes Leben erinnern und doch niemandem einen Hinweis geben würde, da ihre Zweitnamen kaum bekannt gewesen waren. Sie nannte sich Lukaja.

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