Diese Geschichte beginnt vor mehr als tausend Jahren und erzählt den Anfang der Anderswelt, wie wir sie heute kennen. Es war ein schöner Nachmittag, die Sonne stand hoch am Himmel und blitze hier und da zwischen dem Blätterdach von Van Silva hindurch. In der Ferne konnte man die Schattenwölfe heulen hören und die Vögel sangen fröhlich ihre Lieder. Die Anderswelt war friedlich, als Thiago an diesem Tage durch den Wald streifte. Thiago war ein Troll mit den Krallen und Augen eines Adlers, was ihn wohl zum besten Jäger nördlich des Flux‘ machte. Er war bereits Mitte zwanzig und ginge es nach seinen Eltern oder gar allen anderen in seinem Dorf, hätte er längst heiraten sollen. Aber Shaya – seine Versprochene sowie beste Freundin – und er sahen das anders. Sie waren nicht gerade erpicht darauf, bereits sesshaft zu werden und Kinder zu bekommen. Sie waren frei und es kam nicht selten vor, dass ihre Jagd sie an die entlegensten Orte brachte und sie die Nacht unter freiem Himmel verbrachten. Shaya war hübsch, keine Frage und sie war stark – ihre Widderhörner zeigten das jedem, der ihr begegnete, doch das sesshaft werden, passte einfach nicht zu ihr und auch nicht zu Thiago.
„Beeil dich mal, Thi!“, rief Shaya aus dem Dickicht. „Bei deinem Schneckentempo werden wir den See niemals rechtzeitig erreichen.“
Es war einer dieser Tage, an dem sie für das ganze Dorf jagten. Ein Fest stand an und es wurde viel Fleisch benötigt, weshalb sie geplant hatten, an den See am Fuße der Berge von Vouna Pahadón zu gehen, wo die großen Hirsche regelmäßig zum Trinken rasteten. Natürlich gab es noch andere Gewässer in Van Silva, aber der See war das größte und zog daher auch die meisten Tiere an. Es würde einfach werden, zwei große Hirsche zu erlegen. Sie mussten sich nur anschleichen. Thiago schloss zu Shaya auf und musterte sie.
„Wenn du weiter den ganzen Wald beschallst, können wir auch direkt umdrehen“, erwiderte er und grinste sie an. Shaya verdrehte die Augen und sie gingen schweigend weiter. Es dauerte nicht lange, bis sie nah genug am See waren, dass Thiago bereits etwas erkennen konnte. Allerdings waren das keine Rehe oder Hirsche, die er da erspähen konnte.
„Irgendetwas stimmt nicht“, murmelte er zu Shaya. Diese runzelte nur die Stirn, da sie auf diese Entfernung noch nichts erkennen konnte.
Sie schlichen näher heran und versteckten sich im Dickicht des Waldes. Der See lag vor ihnen und er war gut besucht, genau wie sie es gedacht hatten. Nur waren es keine Rehe, die da vor ihnen standen. Zunächst dachte Thiago, es wären Trolle, doch ihre Male waren seltsam und einige von ihnen hatten gar keine.
„Was sind sie?“, fragte Thiago, obwohl er bezweifelte, dass Shaya eine Antwort auf diese Frage wusste. Sie musterte die Fremden eingehend.
„Auf jeden Fall keine Trolle“, entschied sie.
„Was macht dich so sicher?“, hakte Thiago nach.
„Trolle haben keine Flügel“, erklärte sie. Shaya hatte Recht und Thiago wusste das natürlich. Es gab unzählige verschiedene Trollmale und sie alle traten nur in einzelnen Fällen mehrmals auf. Fledermausartige Flügel jedoch zählten nicht zu den Trollmalen. Tatsächlich hatte kein Troll jemals irgendeine Art von Flügel gehabt und nun stand eine Gruppe von mindestens drei Dutzend beflügelten Wesen am Ufer dieses Sees. Hinzu kam, dass einige zwischen ihnen standen, die überhaupt kein Trollmal zu haben schienen. Plötzlich brach die Wasseroberfläche des Sees, Wellen bildeten sich und noch mehr der seltsamen Wesen stiegen daraus empor.
„Vielleicht sind sie eine neue Form der Seelenlosen“, schlug Shaya vor.
Es war keine schlechte Idee, denn die Seelenlosen brauchten das Wasser, um darin zu leben. Aber sie waren augenscheinlich weder Meerjungfrauen noch Najaden, denn sie hatten weder einen Fischschwanz, noch wirkten sie durchscheinend und schwebten über dem Boden. Je länger er darüber nachdachte und das Schauspiel beobachtete, desto mehr nistete sich eine andere Idee in Thiagos Gedanken ein.
„Es ist viel einfacher“, erklärte er schließlich und Shaya sah ihn skeptisch an. „Du weißt ja, dass ich bereits ein paar Mal Kontakt zu den Najaden hatte und viel von ihnen erfahren habe. Sie sagten mir, dass eines ihrer Gewässer ein Portal zur Erde beherbergt, aber sie haben mir nie verraten, wo es ist. Was, wenn es dieser See ist?“
Shaya wirkte wenig überzeugt, was auch nicht weiter ungewöhnlich war. Die Erde war ein Mythos – eine Geschichte, die man kleinen Kindern abends am Feuer erzählte. Dass es ein Portal dahin gab und dass noch dazu jemand von der Erde nun die Anderswelt betrat, schien mehr als nur ein bisschen unwahrscheinlich.
„Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“, fragte Shaya unbeeindruckt. Thiago zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. So oder so sollten wir hallo sagen und es herausfinden.“

Thiago und Shaya waren den Fremden gegenüber unvoreingenommen. Und wer weiß, hätten sie damals anders gehandelt, hätte die Geschichte der Anderswelt vielleicht völlig neue Wege nehmen können. Doch sie fürchteten die Fremden nicht und hatten keine Scheu, sie in ihre Welt aufzunehmen.
Also traten sie aus ihrem Versteck im Dickicht des Waldes hervor und liefen auf die Fremden zu. Es dauerte nicht lange, bis sie Thiago bemerkten. Sie beäugten ihn interessiert, blieben jedoch zunächst auf Abstand. Als sie Shaya und ihre Widderhörner sahen, schreckten sie zurück und einige zückten sogar ihre Waffen. Angst spiegelte sich in ihren Augen wieder.
„Wir kommen in Frieden. Habt keine Angst“, sprach Thiago und steckte seinen Bogen weg, um den Fremden zu symbolisieren, dass er ihnen nichts tun wollte. Doch, wie wir bereits wissen, verstanden die Fremden ihn nicht. Seine Worte brachten nur noch mehr Furcht in ihre Augen.
Einer der Fremden antwortete Thiago, dass sie von der Erde seien, doch für Thiago und Shaya waren diese Worte nichts wert. Die Fremden sprachen kein Teangan und die Trolle nichts anderes als Teangan.
„Was sagt er da?“, fragte Shaya an Thiago gewand. Dieser zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube nicht, dass sie uns verstehen“, antwortete er ihr und wand sich dann wieder an die Fremden.
Er zeigte auf sich selbst und nannte seinen Namen. Dann zeigte er auf Shaya und nannte ihren Namen. Der Fremde, der vorher in der seltsamen Sprache zu ihnen gesprochen hatte, runzelte die Stirn. Er war groß gebaut und hatte starke braune Flügel, die denen einer Fledermaus ähnelten. Er ließ seinen Speer ein wenig sinken und zeigte dann auf sich selbst.
„Arik Matura“, sagte er. Thiago fragte sich, was das zweite Wort zu bedeuten hatte, da das Konzept eines Nachnamens in der Anderswelt bis dahin nicht existierte. Er fragte jedoch nicht, denn er wusste inzwischen, dass der andere Mann ihn ohnehin nicht verstehen würde.
„Ich denke, wir sollten sie nach Cuanor bringen“, sagte Thiago zu Shaya. Cuanor war das kleine Bergdorf, in dem sie lebten.
„Ich glaube nicht, dass die anderen das gutheißen würden“, erwiderte Shaya skeptisch.
„Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Fremde aufnehmen“, erinnerte Thiago. Er sprach dabei von Shaya und ihrer Familie, als sie noch ein junges Mädchen von sieben Jahren gewesen war. Ihr Dorf war in einem Feuer niedergebrannt und sie waren auf der Suche nach einem neuen Dorf wochenlang durch die Anderswelt gezogen. Thiagos Dorf hatte sie damals aufgenommen.
„Es besteht ein kleiner Unterschied darin, eine Familie aufzunehmen oder mehrere duzend Fremde aufzunehmen, die nicht einmal deine Sprache sprechen“, behauptete Shaya. Natürlich hatte sie Recht und vielleicht wäre sie an diesem Tag die Stimme der Vernunft gewesen, hätte Thiago sie nicht doch noch überzeugt.
„Komm schon. Sie haben nichts und wir haben genug Platz und Nahrung, um sie zumindest ein paar Tage zu beherbergen. Vielleicht werden wir sie besser kennenlernen.“
Shaya blieb skeptisch, doch sie stimmte zu. Thiago nahm einen Pfeil und zeichnete damit eine Gruppe Häuser in den Boden, um den Fremden erklären zu können, was er vorhatte.
Er deutete auf seine Zeichnung und sagte „Cuanor.“
Dann zeigte er auf sich und Shaya und anschließend auf die Fremden. Er lief ein paar Schritte und zeigte dann wieder auf die Zeichnung. Der Mann, mit dem er zuvor kommuniziert hatte, schien nicht zu verstehen, was Thiago ihm sagen wollte. Er wollte es gerade erneut zeigen, als eine blonde Frau neben den Mann trat und mit ihm in der seltsamen Sprache sprach. Offenbar hatte sie verstanden, was Thiago zu erklären versuchte und der Mann nickte schließlich.
Und so kam es, dass die Trolle die Feen, Elfen und Kobolde selbst in ihr Reich brachten und ihnen die Türen öffneten.

An diesem Abend erreichten sie Cuanor nicht mehr. Sie machten Rast, als der Wald sich bereits ein wenig lichtete und man zwischen seinen Kronen bereits die weißen Bergspitzen erkennen konnte, in deren Mitte Cuanor lag. Als sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, machte Thiago den Fremden mit ein paar Zeichnungen in der Erde klar, dass er und Shaya nochmal zurück in den Wald gehen würden, um Tiere zu jagen. Dafür waren sie schließlich gekommen und wenn sie einmal den Wald verlassen hatten, würden sie auf dem steinigen Bergpfad nichts mehr fangen können. Noch dazu hatten sie jetzt mehr Mäuler zu stopfen, als nur die Trolle Cuanors und das Fest der Ernte stand nach wie vor an.
Also entfernten Shaya und Thiago sich von der Gruppe Fremder und schlichen durchs Dickicht. Es hatte längst zu dämmern begonnen und es würde jetzt schwieriger werden, Tiere zu fangen, aber sie mussten es versuchen.
„Was hältst du von ihnen?“, fragte Thiago leise. Shaya zögerte. Sie war immer skeptisch gegenüber Fremden gewesen und als ihre Familie damals nach Cuanor gekommen war, war es schwer gewesen, Kontakt zu ihr aufzubauen.
„Ich bin nicht sicher“, erklärte sie, während sie sich umsah. „Ich frage mich, warum sie hergekommen sind. Warum haben sie die Erde verlassen, wenn sie wirklich von dort kommen? Warum verlassen sie ihr Zuhause?“
Thiago zuckte mit den Schultern. Dann blieb er stehen, als er Bewegungen im Dickicht des Waldes beobachten konnte, versteckte sich hinter einem dicken Baumstamm und holte leise seinen Bogen hervor. Ein Hirsch streifte durchs Unterholz und obwohl es schien, dass er allein war, war Thiago sich sicher, dass seine Hirschkühe nicht weit waren. Er warf Shaya einen kurzen Blick zu, bevor er einen Pfeil anlegte und seinen Bogen spannte. Für einen Moment schloss er die Augen und sog die kühle Luft des Waldes in sich ein. Der weiche Duft von Moos machte sich in seinen Lungen breit. Er öffnete die Augen wieder und zielte auf den Hirsch. Der Pfeil flog und traf. Das Tier fiel zu Boden, bevor es auch nur einen Laut von sich geben konnte. Thiago sah sich nicht nach Shaya um, denn er wusste, dass sie weitergezogen war, um den Rest des Rudels zu finden. Thiago kümmerte sich allein um den Hirsch. Er kniete sich neben das majestätische Tier ins Moos und legte eine Hand auf sein noch warmes Fell.
Dann senkte er den Kopf und sprach: „Wir danken dir für dein Opfer. Es wird nie vergessen werden. Möge deine Seele zur Göttin heimkehren und Frieden finden.“
Es war Tradition bei den Trollen, dass jedes Opfer gewürdigt wurde. Sie töteten Tiere nur zu besonderen Anlässen oder wenn der Winter besonders kalt wurde und ihre Ernte des Vorjahres nicht mehr ausreichte, um alle durchzubringen. Zudem wurden alle Bestandteile jedes Tieres verwendet. Das Fleisch wurde gegessen, das Geweih eines Hirsches wurde meist zu Schmuck, Knöpfen oder kleinen Waffenteilen wie Pfeilspitzen verarbeitet und die Knochen wurden zum Kochen von Brühen oder ebenfalls zur Waffenherstellung genutzt. Nichts blieb am Ende übrig und nichts wurde verschwendet.
Nachdem Thiago die Worte gesprochen hatte, machte er sich daran, das Geweih zum besseren Transport abzutrennen. Zu diesem Zweck trug er immer eine kleine aber starke Säge bei sich. Dann band er die Beine des Tieres in Paaren mit Lederriemen zusammen und machte sich auf die Suche nach einem großen Stock für den besseren Transport.
Während er suchte, dachte er über Shayas Frage nach. Warum hatten die Fremden ihr Zuhause verlassen? Shayas Familie war damals geflohen, weil ihr Dorf niedergebrannt war, aber die Erde war viel größer als Shayas kleines Dorf. Was konnte so verheerend sein, dass die Fremden von dort geflohen waren? Er wusste es nicht und er entschied, nach ihrer Ankunft in Cuanor den Najaden einen Besuch abzustatten. Vielleicht wussten sie mehr, schließlich waren die Fremden durch ihr Portal getreten.
Shaya und er fingen noch zwei weitere Tiere in dieser Nacht, bevor sie in der Morgendämmerung zu den Fremden zurückkehrten. Der geflügelte Mann, der sich als Arik Matura vorgestellt hatte, und eine blonde ungeflügelte Frau nahmen ihnen eines der Tiere ab. Sie lächelte freundlich, doch ihre eisblauen Augen sandten einen kalten Schauer über Thiagos Rücken. Sie hatte sich ihnen als Jjeanne Linares vorgestellt und obwohl dies für die Trolle keinerlei Bedeutung hatte, wissen wir bereits, dass dieser Name nichts Gutes heißt und dass schreckliche Dinge passieren werden.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreichten sie Cuanor. Es war ein altes, aber hübsches kleines Dorf in einem Ausläufer des Gebirges Vouna Pahadón. Die Mienen in den Tiefen der Berge waren reich an Kohle und Edelsteinen, weshalb es viele Bergarbeiter unter ihnen gab. Nur wenige der Felder des Dorfes lagen hier oben in den Bergen, weshalb viele der Landwirte mehrere Tage am Stück im Tal verbrachten. Doch für das Fest der Ernte an diesem Abend würden sie alle zurückkehren. Es gab nur wenige Jäger im Dorf, da sich die Trolle hauptsächlich von ihrer Ernte ernährten und nur selten Tiere töteten. Die Jäger dienten fast ausschließlich dazu, die Schafe, welche zur Gewinnung von Wolle gehalten wurden und überall durch die Gassen und die umliegenden Klippen liefen, vor Raubvögeln und Wölfen zu schützen.
Als sie ankamen, konnte Thiago Furcht in all ihren Augen sehen. Die Trolle fürchteten sich vor den seltsamen geflügelten Fremden und die Fremden fürchteten sich vor den Trollen mit ihren unterschiedlichen Trollmalen. Er und Shaya hingen die Hirsche an den dafür vorgesehenen Stellen auf und dann trat er an den Ältesten des Dorfes heran. Sein Name war Anouk.
„Wir haben sie gestern am See im Wald gefunden, Anouk“, erklärte Thiago und deutete auf die Fremden. „Wir haben versucht, mit ihnen zu sprechen, aber sie verstehen unsere Sprache nicht. Sie scheinen von der Erde zu kommen.“ Anouk runzelte die Stirn.
„Die Erde ist nur eine Geschichte. Glaub nicht solchen Unsinn“, behauptete der alte Mann.
„Aber sie stiegen aus dem See heraus“, erwiderte Thiago. „Die Najaden behaupten, es gäbe ein Portal zur Erde in einem ihrer Seen.“ Anouk sah ihn skeptisch an. Dann schüttelte er den Kopf.
„Die Najaden sind seelenlose Wesen. Wenn du ihnen glaubst, bist du selber Schuld“, erklärte der Älteste und musterte die Fremden. Dann sah er wieder zu Thiago. „Vertraust du ihnen?“ Thiago zögerte. Er wusste nicht, ob man ihnen trauen konnte oder was sie überhaupt hier wollten, aber er wusste, dass sie Hilfe benötigten.
„Tja, ich denke, sie brauchen Essen und einen Platz zum schlafen, jedenfalls für ein paar Tage. Und ich denke, wir sollten ihnen helfen“, sagte er. Es war keine Antwort auf Anouks Frage, was beiden Männern durchaus bewusst war, aber mehr gab es über die Fremden noch nicht zu sagen. Anouk seufzte, entschied jedoch, die Fremden für ein paar Tage aufzunehmen und ihnen zu helfen. Daraufhin zerstreuten die meisten Trolle sich wieder und machten sich an die Vorbereitungen für das Fest der Ernte. Shaya kümmerte sich darum, die Fremden auf die Häuser der einzelnen Trollfamilien aufzuteilen, während Thiago mit Anouk zu den einzigen beiden Fremden ging, die sich ihm mit Namen vorgestellt hatten.
„Der Mann hat gesagt, er heißt Arik Matura. Und die Frau heißt Jjeanne Linares“, erklärte Thiago und deutete anschließend auf Anouk, während er die beiden Fremden ansah. „Anouk.“ Er wollte den Fremden den Ältesten des Dorfes vorstellen.
„Diese Flügel…“, begann Anouk zögerlich und sah dann skeptisch von Arik Matura zu Thiago. „Ist es ein Trollmal?“ Thiago schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht. Es tritt zu häufig auf und sie haben sich vor Shayas Hörnern gefürchtet“, erzählte Thiago. „Ich denke, sie sind keine Trolle.“ Anouk sog scharf die Luft ein.
„Bei der Göttin! Hast du Lia Fáil befragt?“, fragte Anouk aufgeregt.
„Ich…“, stotterte Thiago.
„Lia Fáil?“, fragte Jjeanne Linares und sprach dann mit dem geflügelten Mann in ihrer eigenen Sprache weiter. Thiago blickte verwirrt zu Anouk.
„Sie… kennen die Göttin?“, bemerkte dieser fragend.
„Ich weiß es nicht.“
Und so stellten sie fest, dass sie doch gar nicht so verschieden waren. Sie kamen aus unterschiedlichen Welten, aber sie glaubten an die gleiche Göttin. Für Anouk hieß dies, dass man ihnen vertrauen konnte und er nahm die beiden bereitwillig in sein Haus auf. Doch für Thiago warf es nur mehr Fragen auf und festigte seine Entscheidung, die Najaden aufzusuchen.

Thiago blieb noch zum Fest der Ernte. Seine Gedanken mochten wirr und die Fragen darin unendlich sein, aber er wollte nicht unhöflich sein. Das Fest der Ernte war eine wichtige Tradition der Trolle. Es feierte den Zusammenhalt in ihrer Gemeinschaft, ihre Stärken und die Göttin. Das ganze Dorf kam zusammen. Sie erzählten sich Geschichten und beteten für ein weiteres erntereiches Jahr.
Auf dem Dorfplatz um die große Weißtanne herum waren Tische und Bänke aufgebaut worden. Die Kinder des Dorfes hatten in den Bergen Blumen und Kräuter gesammelt, welche als Dekoration dienten. Ein paar Händler waren aus anderen Dörfern mit Bienenwachskerzen zur Beleuchtung zurückgekehrt und hatten außerdem Reis und Honig für den Winter mitgebracht. Zwei Frauen verteilten selbstgepresste Säfte und Punsch an die Anwesenden und über zwei großen Feuern brutzelten die gehäuteten Hirsche.
Die Fremden hatten sich bisher kaum unter die Trolle gemischt und saßen weitgehend abseits. Sie wirkten verunsichert und ängstlich, aber wir wissen es besser. Während Thiago noch darüber grübelt, ob man den Fremden trauen kann, wissen wir bereits, dass sie einen Plan schmieden und was später geschehen wird.
Bis nach dem Essen blieb Thiago und feierte mit seinen Leuten. Dann verließ er das Fest und das Dorf in Richtung der Bergspitze. Weiter oben im Gebirge gab es einen See, an welchem sich die Najaden häufig trafen. Er hatte bereits zuvor mit den Najaden dort oben gesprochen und er war einer der wenigen im Dorf, der ihnen je Gehör geschenkt hatte. Trotzdem wusste er, dass sie seelenlose Wesen waren und ihn genauso auch anlügen konnten.
Der Weg hinauf war leicht, obwohl er nie genutzt wurde. Die meisten Trolle hielten sich von den Najaden fern. Hier und da gab es mal einen kurzen aber steilen Abhang, jedoch nichts, was Thiago wirklich gefährlich werden konnte. Er war schon Tausend mal zu den Najaden hinauf gestiegen, manchmal auch einfach nur, um die Aussicht von dort oben zu genießen.
Als er den kleinen Bergsee erreichte, zögerte er. Er wusste nicht, ob die Najaden mit ihm über die Fremden sprechen würden, oder ob sie überhaupt da waren. Zwar gehörte jede Najade zu einem Gewässer, aber sie musste nicht zu jeder Zeit in der Nähe dieses Gewässers sein. Doch Thiago musste nicht lange warten, bis sich aus dem Wasser eine durchscheinende und doch leuchtende Figur erhob, die an der Stelle ihres Herzens eine Seerose hatte.
„Was treibt dich an einem so schönen Abend hier hinauf? Ich dachte, ihr feiert heute das Fest der Ernte“, bemerkte die Najade und blickte Thiago aus den typisch blauen Augen an. Er lächelte.
„Das stimmt auch. Allerdings ist etwas vorgefallen und ich denke, du kannst mir helfen, es zu verstehen“, sprach Thiago und setzte sich auf einen größeren Stein. Die Najade nickte und hörte geduldig zu. „Gestern war ich mit Shaya im Wald auf der Jagd für das Fest der Ernte. Wir wollten am großen See jagen, aber was wir fanden, waren keine Rehe oder Hasen. Es waren Fremde, von denen wir zunächst dachten, sie könnten Trolle sein. Aber das sind sie nicht. Sie haben Flügel und sprechen unsere Sprache nicht. Sie stiegen zu Dutzenden aus dem See“, erklärte Thiago.
„Und nun möchtest du von mir hören, was ich über sie weiß?“, fragte die Najade. Thiago nickte. „Nun, vielleicht erinnerst du dich nicht mehr, aber vor ein paar Jahren erzählte ich dir, dass in einem unserer Seen ein Portal zur Erde liegt. Dieser See ist der große See im Wald. Jene, die hinausstiegen, sind in der Tat keine Trolle, aber sie sind auch nicht alle gleich. Einige von ihnen haben Flügel. Man nennt sie Feen. Andere haben stets blondes Haar und spitze Ohren. Man nennt sie Elfen. Und dann gibt es noch jene mit den Augen von Schlangen. Ich weiß nicht, ob auch sie unter den Ankömmlingen waren, aber man nennt sie Kobolde.“
„Aber warum sollten sie die Erde verlassen und hierher kommen?“, fragte Thiago verwirrt.
„Es herrscht Krieg auf der Erde. Ein Krieg mit den Menschen so gewaltig und blutrünstig, dass er drohte, die anderen Spezies auszurotten. Die Göttin bat uns, ihnen den Weg hinein zu zeigen“, erklärte die Najade.
„Also sind sie auf der Flucht und vermutlich verängstigt?“, hakte Thiago nach. Die Najade legte den Kopf schief, als würde sie abwägen.
„Ja, vielleicht sind sie das. Aber so sehr sie auch vom Krieg geschwächt wurden, sind sie doch an nichts anderes als Krieg mehr gewöhnt. Du solltest vorsichtig sein.“

Die Worte der Najade verwirrten Thiago mehr, als dass sie ihm halfen. Er wusste nun, dass es mehr Spezies gab, als die Trolle es einander immer gelehrt hatten. Die Erde, von welcher die Trolle stets nur in Geschichten berichtet hatten, existierte tatsächlich und war von diesen anderen Spezies bewohnt. Zudem gab es die Menschen wirklich und sie führten aus irgendeinem Grund Krieg mit den fremden Spezies. Thiago wusste, dass er die Fremden nicht einfach fragen konnte, was auf der Erde vorgefallen war, aber er wollte es dennoch herausfinden und entschied, zurückzugehen.
Er stieg den schmalen Bergpfad hinab und hörte in der Nähe des Dorfes schließlich Schreie. Sofort schossen die Worte der Najade durch seinen Kopf und er beeilte sich, zurück zum Dorf zu kommen.
…sind sie doch an nichts anderes als Krieg mehr gewöhnt. Du solltest vorsichtig sein.
Als er die ersten Häuser erreichte, erstarrte er. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er das Grauen im Dorf erblickte. Alles war voller Blut. Blökende Schafe liefen panisch zwischen den Häusern umher und kleine Kinder saßen weinend neben den leblosen Körpern ihrer Eltern.
Schnell versteckte Thiago sich hinter einem der Häuser. Nur vorsichtig spähte er um die Ecke, um erfassen zu können, was passiert war. Trotz der vielen Toten herrschte noch immer reges Treiben im Dorfzentrum. Doch was er dort sah, waren nur die Fremden – Elfen und Feen bewaffnet mit Schwertern und Speeren, einige sogar mit Pfeil und Bogen. Er versuchte, seine Furcht herunterzuschlucken, und suchte die Toten nach Shaya ab. Schließlich entdeckte er ihr blondes Haar und ihre Widderhörner unter der Weißtanne inmitten der Fremden. Sie hatte ihn ebenfalls entdeckt und machte ihm klar, dass sie abwarten mussten. Im Moment konnte Shaya nicht von dort fliehen. Nach einigen Minuten zerstreuten sich die Fremden, um die umliegenden Häuser nach weiteren Trollen und Ressourcen abzusuchen. Die Elfe Jjeanne Linares und die Fee Arik Matura blieben zurück und gaben den Blick auf Anouk frei, welcher vor ihnen auf dem Boden kniete. Thiago sah fragend zu Shaya hinüber und deutete auf Anouk, doch diese schüttelte den Kopf. Sie glaubte nicht, dass sie ihn noch retten konnten. Stattdessen machte sie Thiago klar, dass sie über die Klippen der Berge fliehen mussten. Er nickte und wandte sich ab. Shaya und er kannten sich in den Bergen um Cuanor besser aus, als die Fremden es je tun würden. Es würde ein Leichtes sein, ihnen zu entkommen und sich am Fuße des Berges wieder zu treffen.
Thiago schlich am Rande des Abgrunds um die Häuser herum, um zu dem Bergpfad zu gelangen, welcher aus dem Dorf ins Tal führte. Bei ihrer Ankunft im Dorf hatte er dort seinen Bogen und seine Pfeile abgestellt und er war sicher, dass er dies nun brauchen würde. Er wartete nicht, Jjeanne Linares und Arik Matura in eine andere Richtung sahen, denn er würde schnell wieder zwischen den Felsen des Berges verschwinden können. Und genauso klappte es auch. Thiago schoss hinter dem letzten Haus hervor und zog damit die Aufmerksamkeit der Eindringlinge auf sich. Er schnappte sich im Vorbeirennen alles, was er brauchte und rannte aus dem Dorf hinaus. Kurz danach sauste ein Pfeil an ihm vorbei und schon war er zwischen den Felsen verschwunden. Auf seinem Weg hinunter, konnte er die Fremden rufen hören, doch sie kamen ihm nie wirklich nahe. Weiter unten traf er endlich auf Shaya. Sie fielen einander in die Arme und konnten endlich verarbeiten, was passiert war.
„Sie haben alles niedergemetzelt“, berichtete Shaya mit Tränen in den Augen. Sie war immer stark gewesen, aber das war zu viel gewesen und Thiago ging es nicht anders. „In einem Moment waren wir noch fröhlich am feiern und im nächsten Moment schnitten Schreie durch das Gelächter und Blut spritze überall. Ich konnte das Chaos nutzen, um mich zu verstecken, aber ich hätte keinen von ihnen retten können.“
Shaya und Thiago mochten gut ausgebildete Jäger sein, aber sie waren keine Krieger. Sie hatten gegen die Eindringlinge keine Chance gehabt. Thiago berichtete, was die Najade ihm gesagt hatten und sie beide trafen eine Entscheidung.
„Wir müssen den anderen Trollen erzählen, was hier vorgefallen ist“, entschied Thiago. Shaya nickte und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Wir werden uns aufteilen müssen. Sonst wird eine Hälfte von ihnen sterben, bevor wir sie erreichen“, bemerkte sie.
Und so entschieden sie, sich zu trennen. Sie sagten einander Lebewohl, denn sie wussten, dass es das Ende sein konnte. Ihr Dorf war vernichtet und sie beide waren die letzte Hoffnung, um den Rest der Trollgemeinde zu retten. Thiago ging nach Südwesten, während Shaya nach Norden wanderte, immer am Fuße der Berge Vouna Pahadóns entlang, wo die Trolle ihre Mienen in den Bergen hatten. Die beiden wurden zu den größten Helden ihrer Generation. Denn obwohl sie die Fremden nicht aufhalten konnten und viele Trolle starben, konnten sie das Schlimmste verhindern und die Trolle vor der Auslöschung bewahren. Es dauerte viele, viele Jahre, bis die beiden einander wiedersahen. Jeder von ihnen hatte längst seine eigene Familie gegründet und obwohl die beiden Trollgebiete bis heute durch Cuanor und Van Silva voneinander getrennt liegen, besteht dank ihrer Freundschaft noch heute eine tiefe Verbundenheit zwischen beiden Trollstämmen.

match-of-survival thiago kurzgeschichte


Das könnte Dich auch interessieren

Meine "Match of Survival" Reihe

Ivy Moore ist ein zu Beginn junges Mädchen aus England. Durch ihre Familie und deren Traditionen ist sie mit der Welt der Magie und ihren Wesen bereits vertraut, doch sie merkt sehr schnell, dass die Ansichten ihrer Familie falsch sind und sie beginnt, sich von ihrer Familie und der Organisation SCIO zu entfernen und stattdessen ihren eigenen Weg zu gehen. Dieser führt sie auf Umwegen nach Deutschland und schließlich zu den Para Humanitas, welche ihr eine neue Sichtweise auf die Magie geben und Ivy lehren, sie nicht zu fürchten. Doch sehr schnell drängen Geheimnisse an die Oberfläche und Ivys Leben gerät aus den Fugen...

Jetzt bei Thalia, Hugendubel und Amazon

cover
cover
cover