Fünfundvierzig Jahre bevor Ivy Moore die Anderswelt betrat, wurde am Rande Khetons ein kleines Mädchen mit dunklen Augen und rotem Haar geboren. Sie war nur ein Kind, doch sie sollte auf vielerlei Weise besonders sein, nicht zuletzt, weil sie das Kind eines Trolls und einer Fee war. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf, einer Fee, die in Kheton Weidenkörbe verkaufte. Bis sie sechs Jahre alt war, wusste sie nicht, wer ihr Vater war, doch die Feen um sie herum wussten sehr wohl Bescheid.
Eines Tages saß die kleine Sechsjährige auf der Wiese hinter dem Haus ihrer Mutter und spielte mit angemalten Steinen und Nüssen. Der Nachmittag war wunderschön und wolkenlos gewesen und langsam verschwand die Sonne hinter dem Horizont. Ihre Mutter hatte dem kleinen Mädchen immer gesagt, sie sei wunderschön, denn ihr Haar habe die Farbe des Himmels bei Sonnenuntergang – eine ungewöhnliche Farbe für ein Feenkind.
Plötzlich trat eine Gruppe älterer Feenkinder an das junge Mädchen heran. Sie lachten bereits, bevor sie etwas gesagt hatten. Das junge Mädchen sah zu ihnen hinauf und blickte in hämische Gesichter.
„Womit spielst du da, Missgeburt?“, fragte einer der Jungen und die anderen lachten.
„Ist es bei den Trollen üblich, mit Steinen zu spielen?“, hakte ein anderer nach.
„Ich bin eine Fee“, antwortete das kleine Mädchen. Sie wusste nicht, dass es eine Lüge war und dass sie den Spott der anderen Kinder dadurch nur noch befeuerte.
„Schämt sich deine Mutter etwa? Hat sie dir deswegen nichts erzählt?“, kicherte eines der älteren Mädchen. Das kleine Mädchen fing schließlich zu weinen an. Sie wusste nicht warum, aber die Worte der älteren Kinder verletzten sie. Sie liebte ihre Mutter und dass man so über sie spottete, gefiel ihr nicht. Unter Tränen sammelte sie ihre bemalten Steine und Nüsse ein und steckte sie sich in die Taschen.
„Ja, lauf nur, Missgeburt!“, riefen die älteren Kinder hämisch und lachten. Das kleine Mädchen lief auf das Haus ihrer Mutter zu, doch der Spott wollte nicht enden.
„M.M. Wofür steht das eigentlich?“, wollte eines der Mädchen wissen, als es die aufgenähten Buchstaben auf ihrem Rücken sah. Jedes kleine Kind bekam seine Initialen auf die Kleider genäht, damit man es den Eltern zurückgeben konnte, wenn es allein durch die Stadt wanderte.
„Montaine Missgeburt?“, fragte einer der Jungen. Tränen strömten über Montaine Morganes Gesicht, als sie endlich außer Hörweite gelang. Die älteren Kinder folgten ihr nicht. Sie hatten genug für einen Tag angerichtet. Montaine wollte ins Haus zu ihrer Mutter laufen, aber in der Gasse zwischen dem Haus ihrer Mutter und dem Nachbarhaus, wo Montaines Mutter das Material für ihre Körbe lagerte, hielt sie noch einmal an.
„Beachte sie gar nicht“, sprach eine Frauenstimme zu ihr. Montaine konnte zunächst niemanden sehen, aber sie war sicher, dass jemand zu ihr gesprochen hatte.
„Wer bist du?“, fragte sie schluchzend. Die Frau trat hinter einem Haufen aus Weidenzweigen hervor. Sie war kaum zwei Köpfe größer als Montaine und hatte grüne schlitzförmige Augen – die Augen einer Schlange. Sie war eine Koboldin.
„Lass dich nicht von den älteren Kindern ärgern“, bat die Koboldin, ohne auf Montaines Frage einzugehen. „Sie haben Unrecht, weißt du. Du bist keine Missgeburt, nur etwas Besonderes.“ Das kleine Mädchen hatte zu schluchzen aufgehört und starrte die Koboldin mit großen Augen an.
„Versprichst du mir etwas?“, fragte die Koboldin und Montaine nickte. Die Koboldin schenkte ihr ein Lächeln. „Lass dich nicht unterkriegen. Versuche das Beste aus deiner Herkunft zu machen und irgendwann wird alles gut sein.“
Montaine nickte erneut. Die Koboldin zog sich ein Tuch über den Kopf, um ihre Gestalt zu verschleiern, und verschwand wieder in den Schatten. An diesem Abend erzählte ihre Mutter ihr von ihrem Vater und dass er in der Tat ein Troll gewesen war. Montaine traf von nun an häufiger Kindern, die sie wegen ihrer Herkunft beleidigten, aber sie versuchte, sich nichts anhaben zu lassen, wie die Koboldin gesagt hatte. In den folgenden Jahren fragte Montaine sich immer wieder, ob sie sich die Begegnung mit der Koboldin in der Gasse nur eingebildet hatte. Es sollten sieben weitere Jahre vergehen, bis sie die Koboldin das nächste Mal traf.

Mit zwölf Jahren verließ Montaine Morgane Kheton das erste Mal auf eigene Faust und wanderte ins Trollgebiet. Sie wollte herausfinden, wer ihr Vater war und warum er sie niemals besucht hatte. Und sie wollte andere Trollkinder kennenlernen, denn sie hoffte, in ihnen endlich Freunde zu finden, waren die Feenkinder doch immer nur schrecklich zu ihr gewesen.
Bei den Trollen angekommen, fragte sie nach Toran, denn dies war der Name, den ihre Mutter ihr genannt hatte. Einige zuckten nur mit den Schultern, als hätten sie diesen Namen noch niemals gehört. Andere schickten sie weg, begannen jedoch hinter ihrem Rücken zu tuscheln, dass sie das Bastardkind mit der Feenmutter sei. Als ihr klar wurde, dass ihr Vater sie nicht wollte und sie deswegen nie besucht hatte, lief sie weinend aus dem Dorf. Sie rannte bis hinunter an den nördlichen Zufluss des Flux, welcher hier nur ein schmaler Bach war. Sie hatte immer geglaubt, dass hier bei den Trollen alles anders sein würde, dass man sie hier nicht verspotten würde, doch es schien, da hatte sie sich geirrt.
Sie setzte sich ans Ufer des kleinen Baches und blickte hinab in ihr eigenes Spiegelbild, welches sich auf der glatten Wasseroberfläche abzeichnete. Sie blickte auf ihr rotes Haar und dachte an ihre Mutter. Ihre Mutter hatte gewiss nichts Schlechtes im Sinn gehabt, als sie mit einem Troll ein Kind gezeugt hatte. Sie behauptete sogar, sie habe ihn geliebt. Doch sie hätten nie ein Kind zusammen bekommen dürfen. Hatten sie nicht gewusst, dass dieses Kind leiden und nirgendwo dazugehören würde? Wütend warf Montaine einen Stein ins Wasser und sah zu, wie sich ihr Spiegelbild kräuselte.
„Kümmere dich nicht darum, was sie sagen“, sprach eine Stimme hinter Montaine und riss sie aus ihren Gedanken. Sofort blitzte das Bild der Koboldin in ihrem Kopf auf, welche sie vor so vielen Jahren in der Gasse getroffen hatte. Sie sah sich um, aber hinter ihr stand nur ein Mädchen in ihrem Alter, keine Koboldin. Sie hatte schwarzes Haar und leuchtend grüne Augen. „Sie haben keine Ahnung, wovon sie reden. Eine Fee zu sein, ist etwas Gutes.“
„Aber ich bin keine Fee“, erwiderte Montaine zugleich traurig und wütend. Das Mädchen lächelte und schließlich erkannte Montaine sie. Das Mädchen war eines der Feenkinder, welche sie immer geärgert hatten.
„Oh ich weiß“, antwortete das Feenmädchen und kniete sich neben Montaine ans Ufer. „Aber du kannst von ihnen akzeptiert werden.“ Sie blickte hinab in den Fluss, als würde sie in vergangenen Erinnerungen schwelgen. Dann sah sie Montaine mit reuevollem Blick an. „Es tut mir leid, wie ich dich bisher behandelt habe. Das hätte ich nicht tun dürfen.“
„Danke“, entgegnete Montaine und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie wollte dem Feenmädchen gern glauben, denn sie war so fürchterlich allein. Aber sie erinnerte sich noch zu gut an die Worte, die sie ihr immerzu an den Kopf geworfen hatte. „Aber sie werden ein Mischlingskind eines Trolls niemals akzeptieren.“ Montaine stand vom Ufer auf und lief los. Sie wollte heimkehren und mit ihrer Mutter sprechen. Das Feenmädchen folgte ihr.
„Doch, das werden sie“, beharrte das Feenmädchen. Sie seufzte. „Sie haben es schon einmal getan.“ Erstaunt blieb Montaine stehen und sah das Feenmädchen an. „Ich wusste es bisher nicht, aber mein Urgroßvater war wie du ein Kind eines Trolls und einer Fee. Es hat gedauert und ihn viel Mühe gekostet, aber sie haben ihn schließlich akzeptiert und er konnte eine Familie gründen. Versuch, dich in das Leben Khetons einzubringen. Bau Nahrungsmittel an oder jage Tiere. Tu irgendetwas Gutes und sie werden dich akzeptieren.“ Das Mädchen lächelte freundlich und lief davon.
Montaine tat, was das Mädchen ihr geraten hatte: Jede Woche ging sie in den Wald Van Silva, um dort Beeren und Pilze zu sammeln. Manchmal fand sie auch Nüsse oder sammelte Moose für die Dachbegrünung. Sie verschenkte ihre Sachen auf dem Markt und mit der Zeit wurden die Beleidigungen weniger. Doch für Montaine war das nicht genug. Immer wieder wanderte sie ins Trollgebiet und versuchte, sich dort Freunde zu machen, schließlich war sie nicht nur eine Fee. Und je öfter sie vorbeikam, desto öfter wurde sie als Bastardkind bezeichnet. Man sagte ihr, dass sie kein richtiger Troll war und niemals ein Trollmal erhalten würde. Ihren Vater konnte sie dabei nie finden.

Es war kurz nach ihrem dreizehnten Geburtstag, als sich Montaines Leben schließlich zu verändern begann. Es war wieder einer dieser Tage, an welchem sie zur Trollgemeinde wanderte. Sie hatte wenige Monde zuvor begonnen, auch hier Beeren, Pilze und Nüsse aus dem Wald zu verschenken. An diesem Tag hatte sie einen großen Korb besonders schöner Pfifferlinge und Steinpilze dabei. Sie wusste, dass sie sich damit noch keine Freunde verschaffen würde, aber sie glaubte, vielleicht würde es ihr eines Tages ein wenig Akzeptanz einbringen, wie es auch bei den Feen langsam der Fall war.
Es war ein warmer Sommertag und sie hatte ihre Sachen auf einer Decke auf dem Brunnenrand in der Mitte des Marktplatzes im Trollgebiet ausgebreitet. Ein Trolljunge in ihrem Alter hatte bereits zwei Mal einige ihrer Pilze in den Brunnen geworfen und sie ausgelacht, als sie hineingestiegen war und sie wieder herausgeholt hatte. Aber abgesehen von ihm hatte sich ihr noch niemand genähert.
„Sie starren dich an“, bemerkte eine weibliche Stimme neben Montaine, als diese gerade einen besonders großen Steinpilz im Brunnen säuberte.
„Ich dachte nicht, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde“, erwiderte Montaine. Sie brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, wer da vor ihr stand. Dieses Mal war sie sich sicher, dass es die Koboldin von vor sieben Jahren war.
„Und ich dachte nicht, dass mich dein Schicksal all die Jahre verfolgen würde, aber hier stehen wir nun.“ Bei diesen Worten sah Montaine nun doch auf und blickte stirnrunzelnd in die grünen Schlangenaugen der Koboldin. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Koboldin in den vergangenen Jahren auch nur eine Sekunde an Montaine gedacht hatte.
„Du hast mir nie deinen Namen verraten, weißt du das?“, fragte Montaine und legte den Pilz beiseite. Die Koboldin grinste überlegen.
„Du auch nicht“, erwiderte sie und setzte sich rittlings auf den Brunnenrand, als würde sie gar nicht bemerken, dass ihr rechter Fuß dabei im Wasser hing. Montaine war damals sehr jung gewesen, aber sie war sicher, dass die Koboldin ihren Namen aus den Mündern der anderen Kinder gehört haben musste.
„Montaine Morgane“, erklärte sie und sah die Koboldin erwartungsvoll an. Diese lächelte freundlich.
„Lukaja Pifko. Vielleicht hast du schon von mir gehört. Ich weiß von einigen wirklich fiesen Gerüchten, die über mich kursieren“, erzählte sie und schien auch noch stolz darauf zu sein. Montaine seufzte.
„Wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, werde ich gewöhnlich mit Beleidigungen beworfen, wenn sich überhaupt jemand dazu herablässt mit mir zu sprechen“, entgegnete sie etwas zu giftig, doch Lukaja Pifko schien das nicht zu kümmern. Sie lachte nur.
„Du bist sehr erwachsen für dein Alter. Die ganzen Jahre habe ich mir sorgen gemacht, was wohl aus dir werden würde, aber du kommst doch recht gut zurecht. Ich bin stolz auf dich“, erklärte die Koboldin und stand vom Brunnenrand auf. Sie schien gehen zu wollen.
„Warte!“, platze es aus Montaine heraus. Die Koboldin hob amüsiert eine Augenbraue und wartete. „Was hast du damit gemeint, dass sie mich anstarren?“ Lukaja schmunzelte.
„Wenn du das selbst noch nicht weißt, empfehle ich dir, in den Spiegel zu sehen“, erwiderte sie und tippte dabei auf ihren eigenen Kopf. „Sie dachten nie, dass du eines bekommen würdest.“
Mit diesen Worten wandte Lukaja Pifko sich ab und ließ Montaine Morgane verwirrt am Brunnen zurück. Zuhause hatte sie keinen Spiegel und die nächstbeste Alternative war das Wasser des Brunnens. Sie wartete, bis es ganz ruhig da lag, und sah dann hinein. Zunächst konnte sie nichts Ungewöhnliches entdecken. Ihr rotes Haar fiel in leichten Wellen bis über ihre Brust und ihre dunklen Augen schienen in der Reflexion undurchdringlich. Und dann schließlich sah sie es: die kleinen Ansätze von Hörnern oder einem Geweih mitten in ihrem roten Haar. Vollkommen perplex starrte sie auf ihr Spiegelbild hinab und konnte es selbst kaum fassen. Sie hatte immer geglaubt, dass sie weder Fee noch Troll war und daher weder Flügel noch Trollmal erhalten würde. Und nun war es da und würde allen Feen deutlich zeigen, dass sie keine von ihnen war.

Die Zeit verging und Montaine Morgane verbrachte viele Tage mit Lukaja Pifko. Sie hatte die Koboldin nicht darum gebeten, aber sie tauchte immer wieder auf und sprach mit ihr. Sie erzählte ihr von der Welt jenseits von Kheton und dem Trollgebiet und von den Dingen, die sie dort bereits erlebt hatte. Sie erzählte ihr sogar von ihren Besuchen auf der Erde. Montaine glaubte zwar nicht alle diese Geschichten, denn Lukaja konnte unmöglich bereits so viel erlebt haben, aber es war eine willkommene Abwechslung zu den Blicken der Trolle und Feen. Die Feen sahen sie geradezu mit ängstlichem Blick an, seit ihr Trollmal zu wachsen begonnen hatte, und die Trolle hielten nun mehr Skepsis in ihren Augen als zuvor, aber zumindest beleidigte sie niemand mehr. Montaine hätte das als Fortschritt betrachten sollen, aber stattdessen ärgerte es sie nur noch mehr, dass man nun gar nicht mehr mit ihr sprach und sich immer weiter von ihr entfernte. Die Koboldin Lukaja Pifko war ihre einzige Freundin.
Die Jahre vergingen und nichts änderte sich. Montaine blieb allein, es seiden sie sprach mit Lukaja Pifko. Ein paar Mal ging sie sogar mit der Koboldin auf Reisen und erkundete Städte wie Caillvaun oder Dariya. Sie verbrachten mehrere Wochen in den nördlichsten Bergen Vouna Pahadóns und segelten tagelang zur Halbmondinsel südlich des gefallenen Reiches. Auf diesen Reisen fühlte Montaine sich wohl. Niemand musterte sie mit Skepsis, denn niemand kannte ihre Geschichte. Niemand schwieg sie an oder beleidigte sie. Doch am Ende kehrten sie immer nach Kheton zurück und alles war wieder beim Alten.
Sie war siebzehn Jahre alt, als sie mit Lukaja Pifko von der Ebene Pathaar zurückkehrte und Kheton in Aufruhr vorfand. Sie wusste es damals noch nicht, aber es sollte ihre letzte Reise mit der Koboldin gewesen sein. Die Neuigkeiten, welche Kheton in Aufruhr hielten, waren für viele ein unvorstellbarer Schrecken. Die Anderswelt war seit vielen Jahrzehnten von einem guten König regiert worden. Doch inzwischen war er alt und nun verbreitete sich die Nachricht, dass er krank geworden war und nun im Sterben lag. Für Montaine war es eine Chance. Sie hoffte darauf, dass der neue Herrscher sich mehr für Mischlingskinder wie sie einsetzen würde. Sie verabschiedete sich von Lukaja Pifko auf dem Marktplatz Khetons und lief nach Hause. Sie hatte schreckliche Kopfschmerzen bekommen und wollte sich nur noch ins Bett legen. Als sie die Haustür öffnete und ihrer Mutter entgegentrat, erstarrten sie beide. Ein Ausdruck des Schocks lag im Blick ihrer Mutter und im nächsten Moment brach diese in Tränen aus. Montaine verstand es in diesem Moment noch nicht, aber was ihre Mutter in ihren Augen gesehen hatte, bedeutete, dass der alte König tot war.

Am nächsten Morgen begann der Tag für Montaine damit, dass ihre Mutter mit einer großen Stofftasche in ihr Zimmer kam und begann, ihre Sachen zusammenzupacken.
„Was ist los?“, fragte Montaine verunsichert.
Sie wusste noch immer nicht, warum ihre Mutter am Abend zuvor geweint hatte, denn sie hatten seither nicht miteinander gesprochen. Montaines Mutter hielt inne und sah ihre Tochter eingehend an. Schließlich seufzte sie.
„Es tut mir leid, wie ich gestern reagiert habe. Als ich dich sah, wusste ich, dass unser König von uns gegangen ist. Und du wirst die neue Königin sein“, erklärte sie.
„Was?“, fragte Montaine verstört. Das konnte doch unmöglich sein! Ausgerechnet sie?
„Du, meine Liebe, trägst das Mal. Du weißt doch noch, was es bedeutet, oder?“, hakte ihre Mutter nach. Montaine nickte.
„Das Mal der Lia Fáil äußert sich in einem goldenen Ring um die Pupille und bestimmt den Herrscher der Anderswelt. Nur, wer es trägt kann die Anderswelt regieren“, erklärte Montaine brav.
Ihre Mutter nickte und verließ den Raum. Einen Moment später kam sie mit einem metallenen Tablett zurück und reichte es Montaine. Es war glänzend poliert und zeigte Montaines Spiegelbild. Man konnte die Farbe nicht erkennen, aber Montaine sah deutlich einen Ring um ihre Pupille, der zuvor nicht da gewesen war.
„Was bedeutet das?“, fragte sie und meinte damit nicht das Mal an sich. Montaines Mutter blickte traurig auf die halb gepackte Tasche hinab.
„Es bedeutet, dass du fortgehen musst. Du musst nach Caillvaun reisen und den Thron besteigen“, erklärte sie.
„Aber ich will nicht gehen“, widersprach sie und in gewisser Weise war es die Wahrheit. Sie liebte ihre Mutter und hatte nie geglaubt, dass sie sie verlassen würde. Doch gleichzeitig waren ihre Worte auch eine Lüge, denn Montaine hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als Kheton zu verlassen. So viele der Bewohner hier hatten sie verletzt und beleidigt. Ein Teil von ihr war froh, gehen zu können. Noch am selben Morgen verließ sie das Haus ihrer Mutter für immer und fand die Koboldin Lukaja Pifko am Stadtrand herumlungern.
„Ich dachte mir, du hättest sicher gern eine Begleitung bis nach Caillvaun“, erklärte diese ihre Anwesenheit mit einem Schmunzeln.
„Wusstest du es?“, fragte Montaine zur Antwort. Lukaja schüttelte den Kopf.
„Ich habe am Abend in einer Bar das Getuschel gehört. Das ist alles.“
Montaine nickte und meinte: „Dann lass uns gehen.“
Und so zogen sie gemeinsam los nach Caillvaun. Unterwegs begegneten sie vielerlei Gestalten: Feen, die ihr noch nie zuvor begegnet waren und sie freundlich grüßten und sie mit Essen und Kleidung beschenken wollten. Feen aus Kheton, die sie früher beleidigt hatten und sich nun plötzlich entschuldigten und behaupteten, sie hätten es nicht so gemeint. Und auch jene Trolle aus dem nahegelegenen Trollgebiet, die in Dasos Handel trieben und Montaine immerzu als Bastardkind bezeichnet hatten. Auch sie entschuldigten sich und boten Montaine allerlei Geschenke an, doch Montaine lehnte jedes Mal ab. Sie mochte ein Trollmal tragen, doch sie hatte entschieden, die Trolle nicht als ihr Volk zu betrachten und ab jenem Tag, an dem Königin Montaine die Krone trug, änderte sich alles. Sie verachtete die Trolle und ihre Versuche, Vergebung bei ihr zu erwirken. Sie bestrafte die Trolle selbst für Kleinigkeiten, während sie die Feen mit allem davonkommen ließ und je mehr Jahre ins Land zogen, desto zorniger wurde sie Gegenüber ihrer Vergangenheit. Die Koboldin Lukaja Pifko hatte ihr nie böses getan und war Montaine immer eine Freundin gewesen, doch auch sie wurde irgendwann Ziel ihres Zorns. Zunächst sprachen sie nicht mehr miteinander. Dann folgten Verhaftungen Lukajas für einzelne Vergehen, deren Anschuldigungen jedoch immer wieder fallengelassen wurden. Und schließlich, als Königin Montaine einen Schuldigen für das Verschwinden Ivy Moores in Atlantis brauchte, zog sie Lukaja zur Verantwortung.
Bis zu Königin Montaines Tod sprachen die beiden nie wieder ein herzliches Wort miteinander.

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